Die doppelte Verteibung der Bewohner des Dorfes Protzan

Einleitung
Protzan während des Krieges
Die Russen sind da
Die erste Vertreibung durch die Polen
In der Gewalt der polnischen Miliz
Was im Dorfe geschehen war
In den Fägen der Polen in Neisse
Die Polen sind die neuen Herren in Protzan
Der Mord an Hans Schneider
Herbst und Winter
Die endgültige Vertreibung
Die Fahrt in den Westen
Die schwierige Aufnahme in Westdeutschland
Der Neuanfang nach der Vertreibung
Protzan oder Zwrocóna?

Die endgültige Vertreibung

Die ersten Gerüchte tauchten auf über die bevorstehende "Aussiedlung" der deutschen Bevölkerung östlich von Oder und Neisse. Jetzt hoffte man, daß es sich zumindest um die Glatzer Neisse handle. Später hörte man dann, daß die deutschen Bewohner dieses und jenes Dorfes in Güterzügen abtransportiert worden waren. Nur wohin, das wußte man nicht. Auf den meisten Höfen sorgten die Deutschen noch für eine ordentliche Frühjahrs-Feldbestellung. Den Ton gaben die Polen an. Sie genossen es, zu befehlen. Bis zuletzt für sein Eigentum sorgend, nahm man das hin. Die Protzaner wußten noch nicht, daß nur die Fremden, die Polen, ernten würden, man ahnte es, aber man hoffte noch immer.

Nun ging es auf Ostern zu. Einen Monat vor dem Fest, am 22.März holten die Polen unseren Pfarrer Georg Kliche mit einer Kutsche ab. Er teilte das Schicksal vieler Amtskollegen des Kreises Frankenstein. Die vorzeitige Amtsenthebung war wohl eine Strafe der Polen für die deutschen Geistlichen. Sie waren mit ihren Mahnungen lästig.
In Jauernig/Sudetenland, dicht an der schlesischen Grenze und nicht sehr weit von Frankenstein, auf Schloß Johannesberg, dem Sommersitz der Breslauer Fürstbischöfe, war am 6.7.1945 unser aus Hildesheim stammender, beliebter und hochgeachteter Kardinal Bertram gestorben. Die hohe deutsche Geistlichkeit am Dom in Breslau war dann durch den polnischen Kardinal Hlond, welcher päpstliche Vollmachten vortäuschte, zur Niederlegung ihrer Ämter gezwungen worden. Hlond setzte sofort polnische Würdenträger ein, ohne dazu ermächtigt zu sein. So wurde selbst die deutsche katholische Geistlichkeit nicht respektiert, noch nicht einmal durch den katholischen, selbst den höchsten, polnischen Klerus, sondern schändlich betrogen.
Pfarrer Kliche hatte mit anderen Geistlichen des Kreises Frankenstein eine Bittschrift an die Polen zu Gunsten der deutschen Bevölkerung und seiner deutschen Pfarrkinder unterzeichnet. Bevor Pfarrer Georg Kliche im Oktober 1943 nach Protzan kam, war er mit seiner Zweisprachigkeit in Alt-Laube b.Lissa im Warthegau Pfarrer gewesen. Dort hatte er seine polnischen Pfarrkinder gegen die SS verteidigt was zu seiner Ausweisung durch die Nazi im März 1942 führte. Seine Erfahrung mit den Polen in Protzan jedoch hatte ihn einmal zu der Äußerung veranlaßt: "Ihr seid ja schlimmer als die SS"!

Es war am Samstag dem 13.4.1946 vor Palmsonntag, als von den Polen entlang der Straße im Dorf an Hoftoren usw. die folgenschweren Zettel angebracht wurden:
"Montag 15.4.1946 um 9 Uhr Aussiedlung der Deutschen aus Protzan mit Gepäck soviel wie man tragen kann und Verpflegung für eine Woche."
Am Palmsonntag wurde gepackt, Federbetten zu Ballen gerollt, Handwagen beladen, Wertsachen und Papiere versteckt so gut es ging. Die alten Menschen waren oft wie gelähmt, zu nichts fähig, sie waren doch hier geboren, hatten teilweise ihr ganzes Leben in "ihrem" Dorf verbracht und jetzt im Alter fortgehen müssen? Es war unfaßbar. An diesem Palmsonntag feierten die Protzaner ihren letzten Gottesdienst in ihrer Kirche, der Kirche welche ihre Ahnen einst erbauten, der Kirche für welche Generationen ihrer Vorfahren Opfer gebracht hatten. Ab jetzt würde nur noch polnisch hier gebetet und gesungen werden. Den letzten Gottesdienst hielt ein deutscher Geistlicher aus Baumgarten. Pfarrer Kliche hatte neben den polnischen auch die deutschen Kinder zum Empfang der ersten heiligen Kommunion für den Weißen Sonntag vorbereitet. Für die deutschen Kinder gab es keinen festlichen "Weißen Sonntag" mehr. Viele Eltern schickten ihre Kinder an diesem Palmsonntag, dem letzten Sonntag in der Heimat zur ersten heiligen Kommunion ohne eine Feier, denn wer wußte schon wann und wo und ob es überhaupt wieder eine Möglichkeit geben würde, einen Gottesdienst zu feiern?

 

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