Die doppelte Verteibung der Bewohner des Dorfes Protzan

Einleitung
Protzan während des Krieges
Die Russen sind da
Die erste Vertreibung durch die Polen
In der Gewalt der polnischen Miliz
Was im Dorfe geschehen war
In den Fägen der Polen in Neisse
Die Polen sind die neuen Herren in Protzan
Der Mord an Hans Schneider
Herbst und Winter
Die endgültige Vertreibung
Die Fahrt in den Westen
Die schwierige Aufnahme in Westdeutschland
Der Neuanfang nach der Vertreibung
Protzan oder Zwrocóna?

Die Russen sind da

Karl Zwiener berichtet darüber folgendes: "Am 8.Mai morgens kam die Nachricht, daß die Russen nur noch 10 km von unserem Dorf entfernt sind. Es kamen Flüchtlinge aus den Hinterdörfern, die das bestätigten. Ich ging zum Pfarrer und fragte, ob wir eine weiße Fahne auf den Kirchturm bringen sollten. Mein Freund war auch dort. Wir machten eine Fahne zurecht. Daheim bei uns war ein furchtbares Durcheinander. Die Flüchtlinge, die bis zu uns durchgekommen waren, durften nicht weiter, weil die nächste Brücke gesprengt werden sollte. Ich ging wieder auf den Kirchturm und konnte beobachteten, wie die SS die Brücken in verschiedenen Dörfern sprengte, aber auch, daß die Russen immer näher kamen. Mein Freund kam auch auf den Turm und wir befestigten die weiße Fahne. Mittags begannen die Russen in Frankenstein zu schießen. Dann wimmelte es überall von fliehenden SS-Soldaten in verdreckten, zerfetzten Uniformen. Bald waren die Russen vor unserem Dorf angelangt, rückten aber erst am 9.Mai ein. Der erste Russe, den wir sahen, saß auf einem Pferd und verlangte nach Wasser. In Dittmansdorf lagen etwa 5000 Russen. Sie zündeten die Scheune des Dominiums an und erschossen das alte Ehepaar Grammel, weil es einige deutsche Soldaten versteckt hatte."

Da das Ehepaar Grammel zu den wenigen Katholiken im sonst evangelischen Dittmannsdorf gehörte, wurden ihre zwei Särge auf Mistwagen zur Beerdigung nach Protzan gebracht.

Die Russen feierten tagelang den Sieg, sie plünderten und vergewaltigten. Unter den deutschen Frauen gab es Selbstmorde. Fast täglich trieben die Russen jetzt deutsche Kriegsgefangene durch die Stadt Frankenstein und weiter die Chaussee entlang. Es war sommerlich heiß geworden. Die Russen ritten schwer bewaffnet zwischen den zum Teil verwundeten deutschen Soldaten. Diese schleppten sich in zerfetzten Uniformen, viele ohne Schuhe, nur Lappen um die Füße gewickelt, durstig durch Staub und Hitze. "Dawei! Dawei!" trieben die Russen alle weiter in Richtung Osten. Deutsche Zivilisten mußten dann die Straße verlassen und aufs Feld jenseits des Straßengrabens um die Trupps passieren zu lassen.

Die polnischen, russischen und ukrainischen Fremdarbeiter hatten fast alle das Dorf in Richtung Heimat verlassen.

Zum Hof Zwiener kamen nachts 30 polnische Soldaten und schlugen, da aus Angst nicht geöffnet wurde, Fenster und zwei Türen ein. Sie nahmen 15 Brote mit und waren wieder weg. Auch eine russische "Einquartierung" zeigte sich im Dorf als äußerst rabiat. Bei Zwiener traten sie die Haustür auf. Aus Angst floh die16jährige Tochter durchs Fenster. Alle anderen, nur der Vater war nicht anwesend, wurden von den Russen im Haus eingeschlossen. Auch sie ergriffen hilferufend die Flucht durchs Fenster. Vater Zwiener erhielt als er mit anderen Protzanern herbei eilte, von einem Russen einen Kinnhaken, daß er taumelte.

Beim Stellmacher Welzel blieb der Pole Josef da. Er hatte dort als Fremdarbeiter, wie ein Sohn gehalten, das Handwerk erlernt. Später hat er sich zum Dank den Besitz seines Lehrherrn angeeignet.

Als die Russen im Dorf waren, hatten sie bei Schneider das beste Gespann Pferde mit dem Jagdwagen als Beute vor den Augen des Besitzers Hans Schneider weggeholt, so auch bei Zwiener das beste Pferd mit Kutsche. Fahrräder und Armbanduhren waren gleichfalls höchst begehrte Beute. Bei der Feldarbeit mit Gespann, mußten die Bauern um ihre Pferde bangen. Mancher floh vor den Russen im Galopp ins Dorf damit ihm keines der für die Arbeit so kostbaren Tiere weggenommen wurde.

Am Pfingstdienstag und dem folgenden Samstag fuhren die Protzaner mit Pferdegespannen trotz des Risikos, die Pferde an die Russen zu verlieren, nach Oberhannsdorf um die nach dort evakuierten Dorfbewohner heimzuholen.

Die Deutschen hatten alle Radios an die Russen abliefern müssen. So gab es keinerlei Nachrichten mehr. Man war von der Welt und allem was mit Deutschland geschah, abgeschnitten. Von den Angehörigen, die sich bei der Wehrmacht oder anderswo befanden, wußten die Familien längst nichts mehr. Es gab keine Post, keine Zeitung.

Bei der großen russischen Einquartierung, es sollen ca.5000 Mann gewesen sein, war auf dem Hof Schneider, da dort Telefon vorhanden war, ein recht netter, etwas deutsch sprechender, russischer Offizier. Seine Truppe war einigermaßen diszipliniert, auch wenn immer wieder Mädchen des Dorfes "zum Kartoffeln schälen" geholt wurden. Man lebte dennoch immer in Angst

Die Russen hatten überall alte deutsche Kommunisten, fähig oder nicht, als Bürgermeister eingesetzt. In Protzan war es Herr Jogwer, der wohl einzige Kommunist des Dorfes. Jetzt suchten die Russen nach "Nazis". Eines Tages holten sie verschiedene Männer des Dorfes ab, darunter auch Hans Schneider, und brachten sie nach Frankenstein in den Keller des Rathauses, wo sie die Deutschen tagelangen Verhören unterzogen: Warst du Nazi? wurde gefragt. Ja? so gab es Schläge. Lautete die Antwort der Verängstigten "nein", dann hieß es: Du lügst! und es gab auch Schläge. Erst Tage später wurden die Gefangenen teils mit blutunterlaufenen Augen, furchtbar zerschlagen nach Protzan entlassen.

Auf den Höfen hatte man gerade die Milchkühe und die Rinder aus den Ställen gelassen. Die Tiere mußten dann auf die Straße getrieben und den Russen ausgeliefert werden. Die Russen trieben mit zum Helfen gezwungenen Deutschen die Rinder des ganzen Dorfes, eine große Herde, als Beutegut davon. Jeder deutsche Bauer durfte pro 10 Hektar ein Rind behalten.

An der Staatsbahn bauten die Russen das zweite Gleis ab.

Die deutsche Bevölkerung und die deutschen Behörden versuchten trotz allem, das Leben nach dem totalen Zusammenbruch wieder etwas zu normalisieren. In Frankenstein sollte in der Schule am Rosenring wieder etwas Unterricht erteilt werden. Die Schüler aus den Dörfern gingen zu Fuß nach Frankenstein, denn die Kleinbahn verkehrte noch nicht wieder. In Frankenstein, dort wo die Bahnhofstraße zur Hindenburgstraße abzweigt, hatten sich die Russen ein "Ehrenmal" errichtet. Sie hatten den Deutschen die Betten aufgeschlitzt und die Federn auf die Straßen geschüttet, um das rote Inlett zum Verkleiden der Bretterpyramide zu verwenden auf der oben ein Sowjetstern thronte.

 

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