Die doppelte Verteibung der Bewohner des Dorfes Protzan

Einleitung
Protzan während des Krieges
Die Russen sind da
Die erste Vertreibung durch die Polen
In der Gewalt der polnischen Miliz
Was im Dorfe geschehen war
In den Fägen der Polen in Neisse
Die Polen sind die neuen Herren in Protzan
Der Mord an Hans Schneider
Herbst und Winter
Die endgültige Vertreibung
Die Fahrt in den Westen
Die schwierige Aufnahme in Westdeutschland
Der Neuanfang nach der Vertreibung
Protzan oder Zwrocóna?

In den Fägen der Polen in Neisse

Der lange, traurige Zug der Protzaner wurde bis in die schwer kriegszerstörte Stadt Neisse getrieben, zu Aufräumungsarbeiten, wie es hieß

In den Aufzeichnungen von Karl Zwiener können wir lesen:
"Kurz vor Kamenz wurden bei einem Halt einige Familien aufgerufen, die darum nach Hause konnten, weil russische Offiziere bei ihnen im Quartier lagen. Wir waren auch dabei, aber unser Name war so entstellt, daß niemand wußte, wer gemeint war. So mußten wir weiter mitziehen. Wir gingen bis Oberpomsdorf, kurz vor Patschkau. Dort brachen viele Protzaner vor Durst zusammen. Darum blieben wir dort zur Nacht. Die polnischen Bewacher schossen Gänse, Enten, Hühner, die wir für sie rupfen mußten. Am anderen Morgen um 3 Uhr wurden wir durch Schüsse geweckt. Es ging weiter. Am Abend waren wir noch etwa 8 km von Neisse entfernt und übernachteten in einem Dorf, das bereits einen polnischen Namen trug, den ich vergessen habe. Am nächsten Morgen, einem Sonntag, zogen wir in Neisse ein. Wir wurden in ein früheres Russenlager gebracht. In dem Lager war nur für etwa 500 Mann Platz. Wir waren etwa 600 mit Gepäck. In den Baracken lag der Schmutz, Lumpen, halbverfaulte Kartoffeln, zerrissene Strohsäcke, schmutzige Kochtöpfe, Holz, einen halben Meter hoch, dazwischen Ratten und Mäuse. Bei der Hitze hatten wir kein Wasser, am Nachmittag bekam jeder 1/4 Liter. Wir mußten das Lager säubern, das nahm zwei Tage in Anspruch. Es gab dann jeden Tag ¼ l Wasser. Da konnten die Töpfe nicht ausgewaschen werden. Wir kochten die halbverfaulten, ungewaschenen Kartoffeln. Am vierten Tag hatte niemand mehr etwas zu essen, die Kartoffeln waren aufgezehrt. Da kam ein Mann und sagte, es können sich 200 Personen freiwillig zu Erntearbeiten nach Wiesau melden, sie müßten sich aber für drei Wochen verpflichten. Auch wir meldeten uns. In einer Stunde ging es los. Wir zogen durch die ausgebrannte, zerstörte Stadt Neisse. Wir sahen die Glocken des Kirchturms auf der Straße liegen. 98% der Stadt waren zerstört."
So weit Karl Zwiener.

Auch die damals ebenfalls sehr junge Martl Pauli erzählt:
"Unterwegs wurde in Pomsdorf übernachtet, eng an eng in der Scheune der Mühle.Unser Nachbar, ein kleiner "Schwerenöter", er hatte Söhne in unserem Alter, lag neben mir und kommentierte: "Doas hätt´ mer ins nie trauma lohn, doss mer a mol mieteinander schlofa wern".
In Neisse mußten wir etwa 10 Tage in den Kasematten hausen. Vor Hunger wurden halbfaule Kartoffeln aus dem Abfall gekocht, denn wir bekamen nichts zu essen. In der Hitze des schlesischen Sommers gab es ¼ l Trinkwasser pro Tag und Person. Jemand opferte für 1 l Wasser eine goldene Uhr. Aus Verzweiflung holte man Wasser aus der Neisse, in welcher noch Tierkadaver lagen. Außer Ratten gab es Wanzen, unter Geröll lag noch eine Leiche. Es war unvorstellbar."
Flecktyphus brach aus. Die etwa 15jährige Ursel Plaschke, einzige Tochter ihrer Eltern, starb daran. Andere behielten ihr Leben lang Narben. Es gab keine Toiletten, nur eine Art Donnerbalken mit daran aufgereihten Gefäßen; Entschuldigung eines Protzaners zu den Pauli-Mädchen: "Kumma se ock rei, hier hot´s no Plotz!" Schlesischer Galgenhumor. Die Klo-Gefäße mußten von den Protzanern mit bloßen Händen geleert und gesäubert werden. Alle litten unbeschreiblich.
Sie waren der Grausamkeit und dem Sadismus ihrer polnischen Bewacher hilflos ausgeliefert. Eine schon geistig verwirrte alte Frau mußte sich nackt ausziehen. Mit dem Finger untersuchten die Polen an Körperöffnungen ob da etwas wertvolles "versteckt" sein könnte.
Wörtlich erzählt Martl Pauli weiter:"Einmal verlangten die Polen nach einem Klavierspieler. Ausgerechnet die Witwe des erschossenen Lehrers Winkler wurde auserwählt. Da bot sich Paul Klesse als Ersatz an. Er wußte nicht, welcher Tortur er sich damit aussetzte. Die Polen stellten eine brennende Kerze auf die Tastatur und drückten seine Stirn mittels eines Revolvers in seinem Genick immer wieder auf die Flamme. Während dieser Qual mußte er Klavier spielen damit die Polen tanzen konnten.
Nach einiger Zeit ließen die Polen plötzlich viele, besonders Handwerker- und Arbeiterfamilien, nach Hause gehen. Unser Pfarrer Kliche hatte für unsere Leute, seine Pfarrkinder, gebettelt und das erreicht. Jene die sich zum Ernteeinsatz gemeldet hatten, wurden noch von Neisse aus in die weiter südlich liegenden Orte Wiesau und Tannenberg getrieben. Auch dort war es kaum besser bestellt als in Neisse."

Zitieren wir wieder Karl Zwiener:
"Nachmittags um 2 Uhr kamen wir in Wiesau an. In den zwei Sälen, die wir zugewiesen bekamen, gab es nur drei Tische und einen Stuhl, aber kein Bett. Wir besorgten uns Strohsäcke. Es gab nichts zu essen. Wir sollten uns Kartoffeln selbst ausgraben und in einem großen Kessel kochen, was wir dann taten. Einige Zeit arbeiteten wir in Schubertskrosse hinter der tschechischen Grenze. Täglich mußten wir 2 Km dorthin zur Arbeit laufen. Aber das Essen dort war gut. Danach arbeiteten wir wieder auf dem Gut in Wiesau. Da gab es sehr schlecht zu essen, jeden Tag eine Scheibe Brot und einen Teller Suppe, in der wir einmal ein hühnereigroßes Stück Soda fanden. Nach den drei Wochen für die wir uns verpflichtet hatten, fragten zwei Frauen beim Kommandanten, ob wir wieder nach Hause könnten. Da bekam die eine einen Fußtritt, daß sie einen Bluterguß davon trug. Nun wagte niemand mehr zu fragen."

Auch Martl Pauli erzählt weiter:
"Man schlief im Stroh auf engstem Raum dicht an dicht während die Mäuse umhertanzten. Wir in Wiesau hausten in einem baufälligen Haus, oben regnete es rein, unten lief das Wasser wieder raus. Vater mußte nur Kartoffeln abkeimen zum Schnapsbrennen! Wir Schwestern übernahmen bei einem Polen die Küche und durften für unsere Eltern die Essenreste mitnehmen. Einmal versank das Dorf in Federn, die Russen brauchten die roten Inletts, wahrscheinlich wie in Frankenstein für ein "Ehrenmal". Nach 6 Wochen in Wiesau wollte man uns für den Winter vorbereiten. Wir mußten Holz hacken und bekamen eine Art Bettgestelle. Da versuchten wir auszubrechen. Der erste nächtliche Versuch mißlang. Die jungen Polen von der uns bewachenden Miliz hatten uns bemerkt und schossen. Ein Mädchen, Ruppelt Lenchen, wurde angeschossen. Dem polnischen Bürgermeister haben wir zu danken, daß wir mit einer Verwarnung davon kamen und sogar unsere Handwagen zurück erhielten. Der Mann war während des Krieges als Fremdarbeiter bei einem deutschen Bauern gewesen und hatte es dort sehr gut gehabt. Er sprach daher auch recht gut deutsch.
Der zweite Ausbruchversuch wurde besser geplant. Wir packten wieder unsere paar Habseligkeiten und an einem Sonntag-Nachmittag schlichen wir uns einzeln oder zu zweit davon. Die Polen feierten an diesem Sonntag Erntefest und eine Hochzeit. Fast alle Polen waren dort und standen schwer unter Alkohol. Das haben wir ausgenutzt. Da Mutter aus dem Kreis Neisse stammte, trafen wir uns dann bei Verwandten. Nach Protzan zurück ging es wieder die etwa 50 Km zu Fuß."

Von der Flucht aus Wiesau erzählt Karl Zwiener:
"Wir, 7 Mann, gingen um 3 Uhr in der nächsten Nacht durch die Fenster. Etwa 100 m weiter stand ein Wachposten, der uns nicht bemerkte. Wir hatten einen Handwagen besorgt und im Wald versteckt. Im Wald vor Kalkau blieben wir bis der Tag graute. Hinter Peterwitz/Kr.Neisse holte uns ein polnischer Soldat ein. Er frug uns aus, durchsuchte uns und ließ uns nach 2 Stunden endlich wieder laufen. Im Ort Geseß wurden wir auf die Kommandantur geschleppt. Der Kommandant fragte uns wieder aus und fügte hinzu: Haben Sie Gold? Es ist verboten Gold zu tragen! Er nahm meinen Eltern die Trauringe ab und steckte sie sich selbst an. In Kosel hinter Patschkau wurden wir nochmals von drei jungen Kerlen ausgeplündert. Da war der Handwagen nur noch halb so schwer.
Nach einer Übernachtung in Wolmsdorf bei Verwandten gingen wir später bei Kamenz durch die wenig Wasser führende Neisse und über Zadel nach Heinersdorf. Dort bekamen wir von Bekannten etwas zu essen. Von da liefen wir weiter nach Protzan, wo wir um 3 Uhr auf unserem Hof ankamen. Wir setzten uns auf die Stufen vor unserer Haustür und warteten bis ein Pole kam."

Dies sind nur zwei Beispiele, aber auch die anderen Protzaner gelangten nur auf ähnliche Weise wieder zurück in ihr Dorf.

 

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