Die doppelte Verteibung der Bewohner des Dorfes Protzan

Einleitung
Protzan während des Krieges
Die Russen sind da
Die erste Vertreibung durch die Polen
In der Gewalt der polnischen Miliz
Was im Dorfe geschehen war
In den Fägen der Polen in Neisse
Die Polen sind die neuen Herren in Protzan
Der Mord an Hans Schneider
Herbst und Winter
Die endgültige Vertreibung
Die Fahrt in den Westen
Die schwierige Aufnahme in Westdeutschland
Der Neuanfang nach der Vertreibung
Protzan oder Zwrocóna?

Der Mord an Hans Schneider

Es war am 23.9.1945, dem 66.Geburtstag der Großmutter Schneider. Nach der Rückkehr aus Neisse hatte ihr Sohn Hans seinen Hof in Protzan nicht mehr zu betreten gewagt. Er hielt sich mit seiner Frau bei seinen Schwiegereltern Martin in Groß Olbersdorf auf. Auch da waren inzwischen Polen auf jeden Hof gekommen. Bei Martin waren es vertriebene polnische Bauersleute aus dem Raum Lemberg. Mit denen konnte man einigermaßen umgehen.
In Protzan hielt sich seit einiger Zeit ein Pole auf, ein schon vom Typ her äußerst unangenehmer, geschniegelter Mensch, Typ Stutzer. Es schien ein Schnüffler vom polnischen Geheimdienst zu sein, der nach "Nazis" suchte. Er belästigte besonders Angelika Loske immer wieder mit hinterhältigen Fragen nach ihrem Mann, meinte aber wohl den Bruder Hans Schneider. Deshalb warnte man Hans Schneider, in dem man seinen kleinen Neffen nach Gr.Olbersdorf schickte. So gewarnt hielt sich Hans Schneider seit einigen Tagen bei der kinderreichen Familie Dierich im Bahnwärterhäuschen zwischen Olbersdorf und Protzan versteckt.
Weil aber seine Frau am 22.9. Geburtstag hatte, wagte er es, zu ihr auf den Hof Martin zu gehen. Das wurde ihm zum Verhängnis, denn der Hof Martin wurde wohl überwacht. Dort in Groß Olbersdorf wurde Hans Schneider von der polnischen Miliz aus Protzan am 23.9.45 gefangengenommen und mit einem Pferdewagen abtransportiert. Hans Schneider war im Juni von den Russen schon im Keller des Rathauses in Frankenstein einige Tage gefangengehalten und furchtbar zusammengeschlagen worden. Aus dieser Erfahrung heraus versuchte er mit einem Sprung vom Wagen der polnischen Miliz zu entfliehen. Diese schossen auf ihn. Getroffen durch einen Bauchschuß schleppte sich Hans Schneider in einen Stall in Gr.Olbersdorf und verkroch sich da. Die Polen holten ihn heraus, warfen den Angeschossenen wieder auf den Wagen und donnerten im Galopp mit dem Schwerverletzten über den holprigen Feldweg nach Protzan zum Haus Welzel, in dem sie ihren Sitz aufgeschlagen hatten. Dort sperrten sie den tötlich verwundeten Hans Schneider im Holzschuppen ein.
Seine Frau Marthel war dem Wagen von Olbersdorf aus zu Fuß gefolgt. Sie schlich sich von hinten an den Schuppen und konnte durch die Holzwand unter eigener Gefahr noch ein paar Worte mit ihrem Mann wechseln. Dann lief sie verzweifelt den Feldweg hinten am Dorf entlang zum Schneider-Hof und berichtete weinend ihrer Schwiegermutter, Schwägerin und deren Kindern was geschehen war.
Die Polen ließen den sterbenden Hans Schneider hilflos in dem Schuppen liegen. Eine junge Protzanerin, Liesel Schönig, die zusammen mit Evamarie Winkler der polnischen Miliz den Haushalt führen mußte, ging unter dem Vorwand Feuer-Holz für den Herd holen zu müssen, zu dem Schuppen. Sie hörte das Stöhnen des Sterbenden und fragte, wer da wäre. Hans Schneider nannte durch die Bretterwand seinen Namen und gab ihr noch Grüße an seine Angehörigen auf.
In der Nacht vom 23. zum 24.9.45 wurde der Tote von der polnischen Miliz heimlich zum Friedhof gebracht und dort vergraben. Die neben dem Kirchhof wohnenden deutschen Schwestern vom Orden der Boromäerinnen hatten das Kommen eines Wagens bemerkt und Pfarrer Kliche herbei gerufen, weil sich auf dem Friedhof etwas täte. Aber selbst der doch katholische, deutsche Pfarrer wurde von der polnischen Miliz unter Drohungen verjagt. Er fand am nächsten Morgen nur eine aufgewühlte und frisch mit Grassoden abgedeckte Fläche an der Friedhofsmauer hinter der Sakristei.
Hans Schneider liegt noch heute so verscharrt auf dem Friedhof in Protzan.

 

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