Die doppelte Verteibung der Bewohner des Dorfes Protzan

Einleitung
Protzan während des Krieges
Die Russen sind da
Die erste Vertreibung durch die Polen
In der Gewalt der polnischen Miliz
Was im Dorfe geschehen war
In den Fägen der Polen in Neisse
Die Polen sind die neuen Herren in Protzan
Der Mord an Hans Schneider
Herbst und Winter
Die endgültige Vertreibung
Die Fahrt in den Westen
Die schwierige Aufnahme in Westdeutschland
Der Neuanfang nach der Vertreibung
Protzan oder Zwrocóna?

In der Gewalt der polnischen Miliz

Lassen wir Josef Rother erzählen, der im Sommer 1945 noch nicht einmal 17 Jahre alt war:

Vom "Schippen" beim Unternehmen Barthold Anfang Dezember 1944 zurückgekehrt, mußte ich am 15.1.45 zum RAD, dem Reichsarbeitsdienst. In Melnik nördlich von Prag erhielten wir eine militärische Ausbildung und dann den Entlassungsschein zur Wehrmacht. Ich schlug mich vorher noch einmal zu meiner Familie durch. Nach drei Tagen folgte ich der Einberufung nach Jermer bei Josefsstadt im Sudetengau. Wir erhielten Uniform und Ausrüstung, dann ging es über Budweis und das südliche Isergebirge per Viehwaggon und per Fußmarsch zur Front bei Lauban wo wir bis 7.5.45 lagen. Nun befand sich alles in Auflösung. Unser Versuch, nach Westen zu entkommen, mißglückte. Die Russen holten uns ein. So kam ich nach der Kapitulation mit Georg Gauglitz aus Frankenstein, einem Freund von der Berufsschule, in russische Gefangenschaft. Wir Gefangenen, mittlerweile eine große Kolonne, wurden in Richtung Hirschberg getrieben. Am Stadtrand sind wir zwei in einem günstigen Moment durch einen riskanten Sprung hinter die Hecken im Vorgarten einer Villa, der Gefangenschaft entflohen. Auf abenteuerlichem Weg kam ich nach Hause, nach Protzan zurück.
Um eine Beschäftigung zu haben, versuchte ich, der kaufmännische Lehrling, mich bei Bauer Oppitz in der Landwirtschaft. Das ging soweit alles verhältnismäßig gut - bis zum 16.7.1945.
Es war Feierabend. Vom Kammerfenster aus sah ich, daß sich polnische Soldaten oder Miliz unter gegenseitigem Feuerschutz die Dorfstraße entlang "vorarbeiteten". Ich wunderte mich warum, denn es gab doch keinen Gegner. Da kam von der Schramm-Schmiede der Schmiedelehrling Werner Wittig zu mir und erzählte aufgeregt, daß die polnische Miliz beim Bäcker Mälzig Männer, Frauen und Kinder zusammengetrieben hätten. Um näheres zu erfahren gingen wir bis zum Nachbarhof Bauer Just, aber da erschien sofort Miliz und trieb uns auch zum Laden der Bäckerei zu den anderen. Dabei mußten wir über die Brücke des Dorfbaches am Wohnhaus meiner Familie vorbei. Meine Mutter sah uns und rief erschreckt: "Josef, komm nach Hause!" Sie mußte entsetzt zusehen, wie man uns zwei Jungen wegtrieb. Dann erinnere ich mich besonders an Hans Winkler, der mit der Faust an die Anschlagtafel vor dem Haus Schurkin schlug und dabei schrie: "Dieser verdammte Hitler, ihm haben wir das alles zu verdanken". Antwort eines polnischen Bewachers: "Hitler gut, sonst wären wir heute nicht hier!"
In der Zwischenzeit trieben die Polen Georg Deckert, der sich wegen einer Verwundung bereits vor Kriegsende schon zuhause befand, zu uns. Er konnte kaum laufen, denn sie hatten ihn ins Bein geschossen. Es blutete stark. Nach einiger Zeit kam eine Kolonne Russen vorbei. Die russischen Offiziere ließen anhalten und sprachen mit den Polen. Plötzlich sagten sie: "Alle Frauen und Kinder nach Hause." Ich hoffte umsonst, daß man mich mit meinen knapp 17 Jahren noch zu den Kindern zählen würde. "Du Mann, du hierbleiben" schrie mich ein Pole an. Dann trieb man uns unter Schlägen nach Frankenstein. Unser Hauptlehrer Winkler lief vor mir. Es blieb nicht aus, daß ich ihm unter den Schlägen und den Stößen der Polen mehrmals in die Füße trat. Mir war das peinlich, aber er drehte sich mit lächelndem Gesicht um und sagte "es ist nicht schlimm". Später fiel mir ein, daß ich der Letzte war, der mit ihm gesprochen hatte. Vor dem Gymnasium in Frankenstein hatte sich eine Horde von Polen versammelt, die uns mit Knüppeln, Messern und Peitschen bewaffnet erwarteten. Sie wurden aber von unseren Bewachern nicht an uns heran gelassen. Man trieb uns auf den Hof der Zigarrenfabrik Kretschmer an deren Eingang ein polnischer Offizier mit Reitpeitsche stand. Er schlug auf uns ein.
Das war das Zeichen zum allgemeinen Losschlagen auf uns. Dann mußten wir uns hinlegen. Die Polen schossen mit Maschinenpistolen nicht nur in die Luft, sondern auch auf uns. Dabei wurde Max Spittler ins Bein geschossen. Er hatte im Krieg schon einen Arm verloren. Jetzt befürchtete ich, daß er verbluten könnte. Ich warf ihm mein Taschentuch hin damit Josef Gloger, der neben ihm lag, ihn verbinden könnte. Das mußte ich teuer bezahlen, denn kaum hörten die Polen mit der Schießerei auf, kamen sie zu mir und schrien mich an: "Du hast eben Handgranaten weggeworfen!" Mit den Kolben der Maschinenpistolen schlugen sie auf mich ein. Dadurch verlor ich mehrere Zähne. Kurze Zeit später durfte ich aufstehen, und die Polen führten mich zu Herrn Winkler. Er lehnte erschossen an einem Wagenrad. Die Polen wollten von mir wissen, wer der Erschossene sei. Aus Angst vor weiteren Mißhandlungen, sagte ich es ihnen nicht. Bis in die Morgenstunden wurden wir verhört, dazu mit Reitpeitschen einzeln in das Gebäude getrieben. Als wir Protzaner uns in einem Kellerraum wiederfanden, hatten wir alle Striemen und blaue Flecken. Bei uns befand sich auch Franz Bittner aus Groß-Olbersdorf. Es war sein Pech, daß er in Protzan seinem Schwiegervater Max Spittler bei der Ernte geholfen hatte, so war er mit festgenommen worden. Er konnte den Polen eine Bescheinigung vorlegen, daß er in einem deutschen KZ gesessen hatte, aber auch das half ihm nicht. Deutscher zu sein, galt allein schon als Verbrechen. Wir mußten fünf schlimme Wochen in dem Keller verbringen.
Am schlimmsten waren die Nächte, sobald wir die Eisenstange an der Haupttür fallen hörten. Dann kamen die Angst- und Schmerzensschreie der Eingesperrten von Zelle zu Zelle immer näher. Wir lagen in der letzten Zelle. Die Menschen können vor Schmerz und Angst ebenso schlimm schreien wie die Tiere. Manchmal wurden Einzelne in die Mitte der Zelle gerufen und besonders "behandelt". Ich wurde einmal so getreten, daß ich heute noch in Rücken und Steißbein Schmerzen verspüre wenn ich längere Zeit sitze. Besonders grausam wurden unser Herr Umlauf, Herr Hübner und ein Lehrer aus Frankenstein geschlagen: ein Volksdeutscher mußte ein Kellerfenster nehmen und dem ersten so lange auf den Hinterkopf schlagen bis nur zwei Holzstücke übrig blieben. Diese beiden Holzteile mußte er dann den beiden anderen an den Hinterkopf schlagen bis nur noch kurze Stücke blieben. Die Männer mußten sich dazu hinknien.
Einen besonderen Spaß hatten die Polen daran, uns Gefangene Zelle um Zelle auf den Gang zu treiben. Dann wurden wir einzeln durch den Gang gejagt. An jeder Ecke stand ein Pole mit Stock oder Peitsche zum Zuschlagen. Einmal glaubte ich, es geschafft zu haben, da bekam ich von einem Polen einen Faustschlag ins Gesicht. Der Pole hatte sich im Schatten der Tür aufgehalten.
Außerdem litten wir unter Hunger und Durst. Morgens und abends gab es etwas Wasser zu trinken und eine Scheibe Brot, mittags nur eine Wassersuppe mit ein paar Kartoffeln darin. Einmal hat mir ein mitleidiger Pole eine Scheibe Brot, verdeckt unter dem Teller, zugeschoben.
So furchtbar diese Wochen waren, das Schlimmste für uns, was uns am meisten traf, geschah zwei Tage nach unserer Festnahme: Durch ein Kellerfenster konnten wir sehen wie die Polen die Bewohner unseres Heimatdorfes Protzan vorbeitrieben. Nach fünf Wochen wurden wir in die oberen Räume des Gebäudes gebracht wo man uns mitteilte, daß wir entlassen seien. Wie wir später erfuhren, hatte sich unser lieber Herr Pfarrer Kliche für uns eingesetzt.-

So weit der Bericht unseres Zeitzeugen Josef Rother über seine und seiner Mitgefangenen Leiden.

Georg Deckert war nach Frankenstein ins Krankenhaus gebracht worden. Er floh dann aus dem Krankenhaus, um der weiteren Gefangenschaft durch die Polen zu entgehen. Da diese ihn suchten, tauchte er bei Verwandten in Kunzendorf unter. Der Lehrer Winkler war an jenem Montagabend, als er mit unserem Pfarrer Kliche von der Kirche kam, von dessen Seite weg festgenommen worden obwohl der Pfarrer auf polnisch versuchte, ihn vor der Festnahme zu bewahren. Bei der geschilderten Schießerei in Frankenstein suchte Lehrer Winkler sich hinter einem im Hof stehenden Wagen zu schützen. Das hatte den blutdürstigen Polen genügt, ihn mit Revolverschüssen zu töten. Lehrer Winklers Sohn Hans mußte das miterleben. Er konnte dem Vater nicht helfen und wußte nicht, was danach mit Vaters Leiche geschah. Auch Frau Winkler gelang es trotz aller Bemühungen nicht, ihren toten Mann zur Beerdigung zu erhalten. Die Familie weiß bis heute nicht, wo die Polen ihn verscharrten. Dem angeschossenen Max Spittler, der im Krieg schon einen Arm verloren hatte, mußte noch das Bein amputiert werden, denn die Polen hatten den Verletzten stundenlang hilflos liegen lassen.

 

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