Pfarrer Georg Kliche
Der letzte Pfarrer von Protzan 1943 - 1946

Pfarrer Kliche kam erst 1943 als neuer Pfarrer nach Protzan. So war er nur kurze Zeit Pfarrer der Protzaner, denn nach der Vertreibung 1946 wurde er Pfarrer in Wunstorf/Hann, aber er trug mit uns unsere schwersten Schicksalsjahre.
Seit 1932 war Herr Pfarrer Otto Peukert der allseits sehr beliebte Pfarrer in Protzan. Er starb im Jahre 1943. Kurze Zeit später zog Herr Pfarrer Georg Kliche mit seiner Schwester Margarete als neuer Pfarrer in das Pfarrhaus in Protzan ein. Georg Kliche war am 9.6.1886 in Striche/Reg.Bez.Posen geboren. Seine Eltern waren Romanus und Agnes Kliche geb.Bengsch. Der Sohn Georg besuchte die Volksschule in Strykowo und Schlehen, Kr.Posen. Schlehen liegt etwa 30 km nordwestlich von Posen. Ab 1.4.1898 besuchte Georg Kliche das Humanistische Gymnasium zu Meseritz Bez.Posen und machte im Jahre 1906 die Reifeprüfung. Danach studierte er Philosophie an den Universitäten München und Breslau. Im Jahre 1907 wurde er in das Clericalseminar in Posen aufgenommen. Seine Priesterweihe erhielt er am 22.1.1911 im Hohen Dom in Gnesen vom damaligen Weihbischof Likowski. Die Stadt Posen war seit dem 10.Jahrhundert Bischofssitz und seit 1821 Sitz des röm. kath.Erzbistums Posen-Gnesen. Ab 15.2.1911 war Georg Kliche Vikar in Kolmar/Posen. Ab März 1912 wurde er Religionslehrer am kath. Lehrerseminar in Exin/Reg.-Bez. Bromberg und ab April 1913 am kath. Lehrerseminar in Rogan/Bez. Posen. Anschließend war er Pfarrverwalter in Murke, einem Ort im Krs.Lissa/Posen, von der Kreisstadt nordwestlich liegend, etwa 20 km entfernt und damit nahe zur Grenze zu Schlesien. Die Versetzung nach Murke als Pfarrverwalter scheint eine Folge des 1914 ausgebrochenen 1.Weltkrieges gewesen zu sein. Die Regierungsbezirke Posen und Bromberg gehörten damals zum Deutschen Reich. Die wehrfähigen deutschen Männer wurden auch dort zum Militär eingezogen. Der Pfarrer von Murke wird wohl Militärpfarrer geworden sein.
Die Provinz Posen hatte etwa 2 Millionen Einwohner, ein Drittel davon waren Deutsche. In den Jahren 1772 und 1793 war die Provinz Posen durch die polnischen Teilungen an Preußen gefallen, dann kam sie 1807 durch Napoleon zu dem von diesem gegründeten Großherzogtum Warschau.1813 fiel sie schon wieder an Preußen. So hatten die Menschen dort ein sehr wechselvolles Schicksal. Im Jahr 1918 organisierte der Pole Albert Korfanty in Posen den polnischen Aufstand. Korfanty (1873-!939) war in den Jahren 1903-1918 als Vertreter der polnischen Minderheit Mitglied des Reichstages in Berlin! Im toleranten Preußen genoß die polnische Minderheit große Rechte, wie eigene Zeitungen und Parteien. In Oberschlesien organisierte Korfanty dann 1920/21 die Aufstände und war mit seinen "Korfanty-Horden" am Annaberg berüchtigt. Mit dem Ende des 1.Weltkrieges kam die Provinz Posen 1919 bis auf kleine Reste (Grenzmark) durch den Versailler Vertrag an Polen, das durch Österreich und das deutsche Reich im Jahr 1916 wiedergegründete worden war.
Georg Kliche wurde am 1.1.1921 Pfarrer von Altlaube Krs.Lissa, das jetzt zu Polen gehörte. Der Geistliche Georg Kliche dürfte all die Vorgänge in seiner Heimatprovinz Posen ganz hautnah erlebt haben. Mit Rücksicht auf seine dortige deutsche Gemeinde blieb Pfarrer Kliche in seiner Pfarrei.
Polen hat nach 1920 dem deutschen Reich die unter Preußen genossene Toleranz schlecht gedankt. Zwischen 1920 und 1939 sank durch rigorose Unterdrückungsmaßnahmen der Polen gegen die deutsche Minderheit der deutsche Bevölkerungsanteil von einem Drittel auf 10%!
Mehr als 20% der Deutschen hatten da schon freiwillig ihre Heimat verlassen. Geistlicher in diesem Spannungsfeld zu sein, war keine leichte Aufgabe. Aber das was ihr neuer Pfarrer da erlebt hatte, war seinen neuen Pfarrkindern in Protzan unbekannt. Pfarrer Kliche war ein Mann, der nicht viel über sich selbst sprach. Seine neuen Pfarrkinder in Protzan wußten jedoch sehr bald, daß Pfarrer Kliche der polnischen Sprache mächtig war. Man befand sich im Krieg, und im Dorf Protzan, wie überall im Reich, gab es zahlreiche Fremdarbeiter aus Polen und der Ukraine zur Hilfe auf den Bauerngehöften, wo meistens die Männer fehlten, weil sie an der Front waren. Pfarrer Kliche konnte sich durch seine Sprachkenntnis mit den Fremden verständigen und sie auch seelsorgerisch betreuen. Erst als Pfarrer Kliche und seine Schwester Margarete im Dorf etwas heimischer wurden, als sich "Fräulein" Kliche, wie man damals unverheiratete Frauen nannte, Kontakte fand, erfuhr man etwas mehr. Das "Pfarrfräulein" Kliche hatte sich mit Frau Pauli und Frau Schneider senior angefreundet und hat besonders Frau Pauli einiges anvertraut.
Pfarrer Kliche war mit 34 Jahren 1921 in Altlaube bei Lissa, Erzdiözese Posen, Pfarrer geworden. Er hatte also einen großen Teil seines Lebens dort verbracht ehe er im Oktober 1943 nach Protzan kam. Altlaube liegt nahe an der Grenze zu Schlesien etwa auf halber Strecke zwischen der Stadt Lissa nördlich und dem nur 15 Km südöstlich von Lissa liegenden Fraustadt.
Seit Jahrhunderten hatte dieses Gebiet eine sehr wechselvolle Geschichte zwischen Polen und Deutschen. (s.Anmerkung*) Das muß man in Betracht ziehen, um die Lage zu erfassen. Als die Stadt Lissa, wie einst 1656 und 1707 erneut im Jahr 1920 von den Polen besetzt wurde, wurden die deutschen Bürger vertrieben oder gingen freiwillig ins Reich.
Fraustadt war von 1815-1920 Kreisstadt in der Provinz Posen.1920-1938 gehörte Fraustadt zur Grenzmark Posen-Westpreußen und kam dann zu Schlesien.
Im Reiseführer heißt es, und das ist wohl mit bezeichnend, dass das nahe bei Lissa gelegene und Frau Annemarie Müller gehörende Schloß Gorzno zwischen 1920 und 1939 ein geistiges und musikalisches Zentrum des Posener Deutschtums war. Für die Deutschen war also das Leben dort zwischen 1920 und 1938 äußerst schwierig. Das änderte sich dann entschieden ab 1.9.1939. Jetzt wurde die Lage für die dort lebenden Polen äußerst kritisch. Dazwischen stand nun ein deutscher Pfarrer, nämlich Georg Kliche in seiner Gemeinde Altlaube/Posen, ca. 6 Km entfernt von Lissa und ebenso von Fraustadt/Schlesien.
Allen gerecht zu werden, den polnischen wie den deutschen Pfarrkindern in diesem Spannungsfeld politischer Unruhe bedurfte menschlicher Wärme, diplomatischer Geschicklichkeit und großen Mutes!
Daß Pfarrer Georg Kliche all diese Eigenschaften besaß, beweist sein Leben.
Im Oktober 1941 erfolgte im Warthegau, wie jetzt das Gnesen/Posener Gebiet genannt wurde, auf Anordnung der nationalsozialistischen Machthaber die Schließung aller polnischen Kirchen. Pfarrer Kliche von Altlaube erhob mutig Einspruch gegen die Schließung, auch solcher Kirchen, in denen ausschließlich deutscher Gottesdienst gehalten wurde. Dadurch und weil er sich gegen die Machenschaften der NS-"Herren" für seine polnischen Pfarrkinder eingesetzt hatte, zog er sich die Ungnade der damaligen Machthaber zu, er hatte sich sehr mißliebig gemacht.
Er muß sich dann einmal gegen die Nazi-Übergriffe auf seine Pfarrkinder so stark eingesetzt haben, daß, wie seine Schwester später Frau Pauli in Protzan erzählte, folgendes passierte: Die Gestapo war gekommen, hatte Georg Kliche an die Wand gestellt und drohte ihn zu erschießen. Möglicherweise sollte es wirklich nur eine Drohung sein, doch wer weiß das in so einer Situation? Die Mutter unseres Pfarrers jedenfalls hatte in ihrer Angst auf den Knien die Gestapo-Männer gebeten, ihren Sohn nicht zu erschießen.
Pfarrer Georg Kliche wurde im März 1942 von den Nazi aus dem Warthe-Gau ausgewiesen. Er mußte seine Pfarrei und die Diözese Posen verlassen und kam daher in die Erzdiözese Breslau. Zwischenzeitlich muß seine Mutter verstorben sein. Nach Protzan kamen dann im Oktober 1943 ja nur die Geschwister Kliche.
Pfarrer Georg Kliche war ein Kämpfer, er machte seinem Namenspatron dem Hl.Georg alle Ehre im Kampf für die Schwachen und Verfolgten. Das erfuhren wir, seine Protzaner Pfarrkinder, sehr baldnach Kriegsende!
Aus allen Erzählungen seiner Pfarrkinder über die schwere Zeit ab 8.5.1945 bis zur Vertreibung unseres Pfarrers Georg Kliche im März 1946 geht immer wieder hervor: Hier hat sich unser Pfarrer Kliche für uns eingesetzt!

Daß Pfarrer Georg Kliche bereits am 22.März 1946 von den Polen mit einer Kutsche von seinem Pfarrhaus in Protzan abgeholt wurde, war wohl die Folge seiner Unterzeichnung der Bittschrift vom 4.12.1945. Es war eine Bittschrift für die Deutschen, welche unsere deutschen Geistlichen des Kreises Frankenstein an die Polen gerichtet hatten.
Georg Kliche hat auch nach der Vertreibung als er ab 1.7.1946 Pfarrer an St.Bonifatius in Wunstorf bei Hannover / Diözese Hildesheim war, immer den Kontakt, auch seelsorgerisch zu seinen "Protzaner Pfarrkindern" aufrecht erhalten, was noch vorhandene Hirtenbriefe bezeugen.
Am 15.1.1960 trat Pfarrer Georg Kliche in den Ruhestand. Er starb im gleichen Jahr am 13.7.1960 in Ilten bei Hannover.

Der Lohn des Himmels ist ihm sicher, wie unser aller Dank!

Pfarrer Kliche erreichte in der kurzen Zeit seines Wirkens in Protzan nicht die Beliebtheit seines Vorgängers Pfarrer Peukert, aber er teilte mit uns die schwersten Jahre und setzte sich voll für uns in schwierigsten, für Leib und Leben gefährlichen Situationen ein.
Wir, seine mit ihm aus Protzan vertriebenen Pfarrkinder, werden sein Andenken dankbar bewahren.


© 2000 Doris Minale