Die doppelte Verteibung der Bewohner des Dorfes Protzan

Einleitung
Protzan während des Krieges
Die Russen sind da
Die erste Vertreibung durch die Polen
In der Gewalt der polnischen Miliz
Was im Dorfe geschehen war
In den Fägen der Polen in Neisse
Die Polen sind die neuen Herren in Protzan
Der Mord an Hans Schneider
Herbst und Winter
Die endgültige Vertreibung
Die Fahrt in den Westen
Die schwierige Aufnahme in Westdeutschland
Der Neuanfang nach der Vertreibung
Protzan oder Zwrocóna?

Die Polen sind die neuen Herren in Protzan

Verschont von all diesen Schrecken in Neisse oder Wiesau blieb auch die nach der Evakuierung aus Breslau in ihrem Geburtsort Protzan weilende Angelika Loske geb. Schneider mit ihren Kindern.
Die Polen hatten sie mit ihren drei Kindern nach langem Bitten und Übergabe einer Seite Speck an der Straße hinter Kamenz zurückgelassen, wie vorher bereits die Großmutter mit Fräulein Kliche, der Schwester unseres Pfarrers. Jetzt saßen sie am Straßenrand und sahen traurig den anderen Protzanern nach, die ins Ungewisse getrieben wurden. Sofort nach Protzan zurück zu gehen, wagten sie nicht. Deshalb liefen sie über Tarnau nach Groß Olbersdorf zu den Verwandten im Gasthof "Deutscher Kaiser". Weil Großmutter Schneider dort nicht angetroffen wurde, wagte es Angelika Loske mit der Tochter am Sonntag 22.7.45 über den Feldweg nach Protzan zu gehen und zu schauen, ob sich die Oma da befand und was sich dort im Dorf zwischenzeitlich ereignet haben mochte.
Von hinten schlich man sich vorsichtig durch die Scheune auf den Hof Schneider und war glücklich, die Großmutter einigermaßen wohlbehalten dort anzutreffen. Sie war den weiten Weg zu Fuß zurückgelangt in ihr Altenteil, drei Zimmer im oberen Stockwerk des Wohnhauses. Der Pole Kita, den sie bei ihrer Rückkehr als den "neuen Herrn" des Hofes antraf, hatte es ihr "großzügig" erlaubt.
In allen Gehöften und den meisten Häusern hatten sich als neue Besitzer Polen eingenistet. Denn als am Donnerstag vorher die Protzaner unten aus ihrem Dorf in Richtung Frankenstein getrieben wurden, waren sofort die Polen von der anderen Seite ins Dorf gekommen. Sie waren in die leerstehenden, unverschlossengebliebenen Häuser und Gehöfte der vertriebenen Deutschen eingedrungen, hatten alles in Besitz genommen, nach Wertsachen durchwühlt, hatten geplündert und saßen jetzt als die neuen Herren in den Höfen. Doch um das Vieh, das die deutschen Besitzer in den Ställen zurücklassen mußten, hatten sich die neuen "Herren" kaum gekümmert. Die Tiere hatten Hunger und bei der sommerlichen Hitze unendlichen Durst. Nur die Schweine und Hühner waren von den Polen einigermaßen versorgt worden! So mußten selbst die Tiere leiden.
Es herrschten unvorstellbare Zustände.

Am Sonnabend den 28.7.45 kehrte Hans Schneider mit seiner krebskranken Frau aus Neisse zurück, aber nicht nach Protzan. Sie gingen zu ihren Eltern Familie Martin in Groß-Olbersdorf, auf deren Hof. Nach und nach kamen auch andere Protzaner aus Neisse zurück. Es waren wohl jene, die man auf Bitten von Pfarrer Kliche freigelassen hatte.
Die Weizenernte stand an. Die neuen Herren, die Polen, verstanden nicht mit den Landmaschinen umzugehen, eine nach der anderen war bereits ausgefallen. Es wurde nichts repariert. Die Deutschen mußten Knechtsarbeit verrichten, bekamen aber kaum etwas zu essen. Aus Polen kamen Erntehelfer, junge Polen, die mit der Sense mähten, nicht nur auf dem Hof Schneider. Dort konnte auch der alte Herr Gröger, der die rechte Hand von Hans Schneider gewesen war, an der Misere nichts ändern, obwohl seine Hilfe von dem Polen Kita, weil der von Landwirtschaft nichts verstand, sehr gefragt war.

Die polnischen neuen Herren verkauften in Frankenstein das, was sie nicht gesät hatten. Mit ihren nachgeholten Familien trugen sie die Kleider der Deutschen und schliefen in den Betten der vertriebenen Eigentümer. Man schlachtete deren Schweine, aß und trank und feierte tüchtig. Die polnischen Kinder drehten staunend an Lichtschaltern und Wasserhähnen und brachten Läuse mit. Abends wurde über dem Tisch der enteigneten Deutschen im Haar der Kinderköpfe gejagt.
Viele der aus Neisse, Wiesau und Tannenberg in ihr Dorf zurückgekehrten Protzaner wurden von den eingedrungen Polen nicht mehr in ihre Höfe oder Häuser eingelassen, sie durften nicht mehr in ihrem Eigentum wohnen. So auch der alte Bruno Welzel, in dessen Haus sich die polnische Miliz eingenistet hatte. Der alte Mann fristete sein Dasein bei der kinderreichen Familie Schumann in deren Häuschen am Teich bis zu seinem Tod Ende des Jahres. Er wäre verhungert, hätten nicht die Töchter Langnickel unter eigener Gefahr manchmal etwas Eßbares zu ihm hinüber "geschmuggelt". Auch die Witwe des getöteten Lehrers Winkler durfte mit ihren acht Kindern nicht mehr in ihre Wohnung in der Schule, in die jetzt ein polnischer Lehrer einzog. Familie Winkler mußte in zwei Zimmer des Auszughauses vom Hof Zwiener ziehen.

Lassen wir nochmals Karl Zwiener erzählen:
"Wir bekamen von dem Polen, der sich jetzt Besitzer unseres Hofes nannte, eine Stube zugewiesen. Wir sahen, daß er wie die zwei anderen Polen Vaters Sachen anhatte. In Vaters Sonntagssachen gingen sie in den Kuhstall und wir mußten ein freundliches Gesicht dazu machen. Wir hatten Bettzeug, das wir vor dem Weggang versteckten, wiedergefunden. Als die Polen es merkten, nahmen sie uns sofort einen Teil weg. Alles andere Versteckte hatten sie bereits gefunden, außer unseren Wintersachen. Die brachte ich dann auf eine unserer Pappeln, welche uns schon als Kinder in 20 m Höhe ein Versteck geboten hatte. Mein Vater mußte sich um die Ernte kümmern und die inzwischen kaputten Geräte und Maschinen reparieren. Wir brachten die Ernte innerhalb von vier Wochen ein.
Danach am 13.September 1945 wurden wir von 6 Milizsoldaten früh um 6 Uhr innerhalb 5 Minuten abgeholt. Ungewaschen, ungekämmt, nüchtern, ohne jedes Gepäck mußten wir von Zuhause fort. Ich griff mir im Hinausgehen noch schnell eine Decke, das trug mir einen Kolbenhieb ein, aber die Decke habe ich gerettet. Wir wurden bis Mittag in einem Kohlenschuppen eingesperrt. Dann wurden wir mit 13 anderen Protzanern nach Frankenstein auf den Bahnhof gebracht. Bis 7 Uhr abends wurden wir dort bewacht, sogar wenn wir austreten gingen. Und wir durften mit niemand sprechen bis wir dann im Viehwaggon saßen. Jetzt kümmerte sich niemand mehr um uns. Wir wußten nicht, warum man uns geholt hatte und wohin die Reise gehen sollte. Durch Schlitze im Waggon konnten wir im Vorbeifahren noch einen traurigen Blick auf unser Dorf werfen. Bei einem Halt in Reichenbach stiegen wir alle aus; die Männer hatten die Waggontüren aufgebracht. Jemand hatte Bekannte in Reichenbach zu denen wir alle gingen. Aber wir mußten uns beeilen, denn Deutsche durften sich nur bis 20 Uhr auf der Straße aufhalten. An diesem Abend aßen wir den ersten Bissen dieses Tages."
Am nächsten Morgen liefen Zwieners zu Verwandten nach Langenbielau, wo sie unter unsäglichen Umständen ihr Leben fristeten. Sie mußten sich bis zur endgültigen Vertreibung mit den deutschen Einwohnern von Langenbielau wie diese so recht und schlecht durchschlagen. Die Wintersachen, den einzigen gebliebenen Besitz, konnte Karl mit Hilfe der Familie des Malers Neißner später aus der Pappel holen als man heimlich zur Beerdigung der aus Grochau stammenden Tante nach Protzan kam. Die Tante, gelähmt durch einen Unfall auf Zwieners Hof, war im Frankensteiner Krankenhaus verstorben.
Auch Familie Pauli, als sie endlich und von den Polen unerwartet, nach ihrem langen Fußmarsch von Neisse zurückkam, durfte auf ihrem Hof nur in zwei Zimmer der Wohnung ihres Schweizers, wie wir damals die Melker nannten, einziehen. So schliefen sie dann in den Betten der Familie Beinlich und kochten in deren Töpfen. Das große Wohnhaus des Hofes Pauli war voll von Polen, aber das Getreide war nicht geerntet, es war umgeknickt und die Körner bereits 10 cm ausgewachsen. Im Gegensatz zu den anderen deutschen Bauerngehöften, die durch polnische Familien von wer weiß woher in Besitz genommen worden waren, hatte man das Gut Pauli zu Staatsbesitz mit Verwalter gemacht.
Die Schwestern Lenchen und Martl mußten dann kochen. Das bedeutete: etwa 60 Personen täglich irgendwie "satt machen" mit Mehl aus dem ausgewachsenen Getreide, Salzkartoffeln und einer süßsauren Sauce; Rübensirup war genug vorhanden. Die Verwalter wechselten mehrmals und von deren Gnade und Wohlwollen hing das Schicksal der deutschen "Untergebenen" ab. Wegen einer vergrabenen Kassette, die Paulis zu retten versuchten, mußten die Eltern Pauli ihren Hof verlassen. Die älteste Tochter Hilde, verheiratet in Wiesenthal bei Heinrichau, nahm sie auf. Die Töchter Lene und Martl durften auf dem elterlichen Hofgut bleiben; Herr Pfarrer Kliche hatte es bei dem polnischen Verwalter durch sein Bitten erreicht. Sie sollten aber eine "Aufenthaltsbescheinigung" beibringen, genau wie die Familie Beinlich, bei deren Rückkehr nach Protzan! In des Melkers Beinlich Wohnung hauste ja schon Familie Pauli.

"Aufenthaltsgenehmigungen" (für Deutsche!) wurden von den Polen in Frankenstein ausgestellt. Das Amt befand sich in der Hutfabrik. Martl und Lenchen Pauli warteten dort in einer langen Schlange. Zufällig wurden sie da von Frau Dr.Maria Pohl, geb.Jäkel, der Tochter unseres Lehrers Jäkel aus Protzan, gesehen. Frau Dr.Maria Pohl war in dem Amt als Dolmetscherin von den Polen verpflichtet worden. Sie hatte Slawistik studiert und war darum des Polnischen mächtig. Nun warnte sie die Pauli-Schwestern: "Verschwindet schnell und lautlos aus diesem Haus, seht zu, daß ihr zurück nach Protzan kommt, denn von hier geht´s ins Niemandsland! Von hier kommt niemand mehr nach Hause!" So gewarnt, gelang es den Pauli-Schwestern von jenem polnischen "Amt" nach Protzan zu entkommen.
Der Familie Beinlich, da ungewarnt, war das nicht beschieden. Sie waren in die polnische Falle geraten. Es wurden von den Polen anscheinend schon keinerlei sogenannte "Aufenthaltsgenehmigungen" für Deutsche mehr ausgestellt, denn Beinlichs wurden bereits zu diesem Zeitpunkt per Bahn in Viehwagen an die "Grenze" Lausitzer Neisse transportiert. (Familie Zwiener war dem gerade noch entkommen.) Die Wagen waren mit Ketten verschlossen und kamen auf ein Abstellgleis wo man sie mit den Menschen darin einfach stehen ließ.
Endlich, nach zwei Tagen, konnten sich die eingesperrten Menschen aus den Viehwaggons befreien. Daß sich niemand um die einfach "abgestellten" Menschen kümmerte, lag wohl daran, daß man in den alliierten Besatzungszonen, hier der Russischen, noch nicht vorbereitet war zur organisierten Aufnahme der "human" Vertriebenen. Familie Beinlich kam zu Fuß den weiten Weg zurück nach Protzan, fand aber keine Aufnahme mehr. Auch Familie Beinlich kam dann in Wiesental bei Hilde Göbel unter. Die Polen wüteten aber auch dort. Hilde Göbel war zweimal von den Polen abgeholt worden und wurde grün und blau geschlagen.

Es war überall schlimm mit den polnischen Übergriffen auf die Deutschen.

In Protzan mußte auch Frau Reimann mit ihren Kindern wegen "Diebstahl" ihren Hof, ihr Eigentum wieder verlassen. Sie hatte versucht aus einer Truhe, die die Polen noch nicht gefunden hatten, einen Teil ihrer guten Wäsche von ihrem Gehöft zu einer Verwandten im Dorf zu bringen. Das war beobachtet und dem neuen Herrn, dem Polen auf Reimanns Gehöft, gesagt worden.
Frau Reimann wurde aus Wut über ihr Vergehen von dem Polen die Treppe hinunter gestoßen. Dabei brach sie sich mehrere Rippen, kaum daß ihr Armbruch, den sie sich in Neisse zugezogen hatte, abgeheilt war. Die herbeigerufene polnische Miliz jagte sie mit ihren kleinen Töchtern unter Waffengewalt aus ihrem Eigentum. Die Familie hauste dann unter primitivsten Umständen, so wie Frau Winkler mit ihren Kindern, im Auszughaus des Gehöftes Zwiener.

Einigermaßen verschont von all dem blieb die Familie des Bahnwärters Dierich, da sie abseits im Bahnwärterhäuschen an der Staatsbahn zwischen Groß-Olbersdorf und Protzan wohnte. Zu ihrem Dorf Protzan hielten die halbwüchsigen Söhne den Kontakt. Wenn es für sie im Dorf wegen der Polen dort brenzlig wurde, gelang es ihnen doch immer, flink heimzukehren. So wie sie später im September Hans Schneider Unterschlupf gewährte, hat Frau Dierich mehrfach geflohene deutsche Soldaten in ihrer Waschküche und im Heu versteckt, damit sie der russischen Gefangenschaft entgingen. Die Waschküche hatte ein Fenster durch welches man sich bei nahender Gefahr schnell in die umliegenden Getreidefelder entfernen konnte. Frau Dierich, die damit ihr Leben riskierte, suchte zu verhindern, daß ihre Kinder etwas merkten. Den älteren blieb aber das gütige Handeln der Mutter nicht verborgen.

Das alles sind nur einige Beispiele des Geschehens damals im Sommer 1945 in Protzan.

 

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