Die doppelte Verteibung der Bewohner des Dorfes Protzan

Einleitung
Protzan während des Krieges
Die Russen sind da
Die erste Vertreibung durch die Polen
In der Gewalt der polnischen Miliz
Was im Dorfe geschehen war
In den Fägen der Polen in Neisse
Die Polen sind die neuen Herren in Protzan
Der Mord an Hans Schneider
Herbst und Winter
Die endgültige Vertreibung
Die Fahrt in den Westen
Die schwierige Aufnahme in Westdeutschland
Der Neuanfang nach der Vertreibung
Protzan oder Zwrocóna?

Herbst und Winter

Auch Hubert Winkler, ein weiterer Sohn des von den Polen getöteten Lehrers Gustav Winkler, wurde später zusammen mit dem wohl aus Schräbsdorf stammenden Dr. Kaps von der polnischen Miliz im Haus von Bruno Welzel im Keller gefangen gehalten. Seine Schwester Evamarie, die für die Schergen ihres Bruders arbeiten mußte, hörte oft die Schreie der zwei Gefangenen, wenn diese mißhandelt wurden. So mußte sie auch mitansehen, wie Hubert Winkler und Dr. Kaps aus dem Keller heraufgerufen und dann von den Polen die Treppe wieder hinunter gestoßen wurden. Die wenig später einsetzende Erblindung von Hubert Winkler ist ganz sicher auf diese Mißhandlungen zurückzuführen.
Doch auch für eine Familie der polnischen Eindringlinge gab es in diesem Herbst einen schweren Schicksalsschlag. Die 15jährige Tochter der Polen im Gehöft Günther kam bei einem Verkehrsunfall auf der Chaussee um. Sie wurde auf dem Fahrrad durch ein russisches Militärfahrzeug getötet. Das Mädchen war die erste polnische Tote, die auf unserem Friedhof beerdigt wurde. Im Kirchenbuch wurde sie von Pfarrer Kliche zwischen unseren Toten eingetragen.
Die Arbeiten der Kartoffel- und Rübenernte und die nachfolgende herbstliche Feldbestellung hatten die Deutschen fast allein durchgeführt. Die Polen als "Herren" verkauften nur die Erträge. Weihnachten hatten wir zwei Tote zu beklagen. Am 18.12. starb Liesel Gargosch geb.Überall, erst 30 Jahre alt. Sie war im 6.Monat schwanger und bekam dadurch Schwierigkeiten. Unsere Schwestern, die Nonnen, sorgten dafür, daß sie ins Krankenhaus der barmherzigen Brüder nach Frankenstein kam. Dort ließ man sie im ungeheizten Raum, unzugedeckt, kaum versorgt liegen. Sie war ja nur eine Deutsche! Wäre Liesel Gargosch richtig ärztlich versorgt worden, brauchte sie nicht mit ihrem ungeborenen Kind zu sterben! Ihr Mann war noch in Kriegsgefangenschaft. Die drei kleinen Kinder, die sie hinterließ, mußten jetzt von Oma Überall übernommen werden. Kurz vor Weihnachten wurde Liesel Gargosch beerdigt.
Am Hl.Abend war die Beerdigung von Karl Pauli. Er war am 21.12.45 durch einen Unfall mit einem jungen Bullen umgekommen. Es war ein bedrückendes Weihnachtsfest in jenem Jahr 1945, sieben Monate nach Kriegsende, bedrückend für alle Deutschen, die das Unglück hatten, unter "polnische Verwaltung" geraten zu sein. Dennoch versuchte man das Fest der Geburt Christi zumindest in der Kirche feierlich zu begehen. Mancher Deutsche in Protzan hatte das erste und einzige Mal in seinem Leben einen "gestohlenen" Weihnachtsbaum. Er war heimlich aus dem Wald vom Gumberg geholt worden.

Mit wenig Hoffnung sah man in das neue Jahr 1946.

Die Deutschen mußten den neuen polnischen Herren ohne Entgelt die Arbeit machen und bekamen kaum etwas zu essen, etwas Brot mit Sirup, Kartoffeln mit Viehsalz, das war schon viel! Sie mußten hungrig zusehen wie ihre Schweine, ihr Geflügel von den Polen geschlachtet und gegessen wurde. Ganz schlimm war es für Frauen, die kleine Kinder hatten und nicht für irgendwelche Polen arbeiten konnten. Sie standen vor fast unlösbaren Problemen, ohne ihre Männer, ohne Geld, nur heimlich von anderen Deutschen im Rahmen des Möglichen oder besser Unmöglichen etwas unterstützt. Wer spricht heute noch von den tapferen Müttern?
Für Deutsche gab es in keinem Geschäft mehr etwas gegen Reichsmark zu kaufen. Aber welcher Deutsche hatte Zloty? Die besaßen nur die Polen. Es wurde gehungert und gefroren. Im bitterkalten Winter wurde noch lange das Getreide für die Polen gedroschen, die das Korn verkauften und allein vom Erlös profitierten. Bindeschnur für die Dreschmaschinen gab es nicht. Die Deutschen mußten das Stroh mit bloßen, steifgefrorenen Händen in alte Schnüre knüpfen.
Ahnungslos zwischen Hoffen und Bangen lebten und arbeiteten die Deutschen, nichts wissend von einem "Potsdamer Abkommen". Man hielt fest zusammen und half sich untereinander wo es ging und so weit es unter den wachsamen Augen der habgierigen Polen möglich war. Alle trugen stolz ihre von den Polen "verordnete" weiße Armbinde mit dem schwarzen "N" für Niemski /Deutsch und hofften, daß die Polen eines schönen Tages wieder verschwinden würden.

Auch in Protzan hatte 1939 niemand einen Krieg gewollt!
Konnte die Welt da solches Unrecht zulassen? Unvorstellbar!

 

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