Gedenktafel an der Pfarrkirche zu Protzan

Zur Vorgeschichte


Bei einem Besuch unserer Heimat vor einigen Jahren standen Alfred Reimann und ich auf dem Friedhof, wo die Gräber längst eingeebnet wurden, vor den an der äußeren Kirchenwand befindlichen Epitaphen der Pfarrer Victor Apoloni (gest.1904) und Pfr. Gotthard Müller (gest.1879). Die dritte Tafel rechts für Pfarrer Alois Schwarzer, der nach seinem Tod am 25.1.1922 auch dort beerdigt wurde, fehlte aus unerfindlichen Gründen. Alfred sprach da von der lange in ihm gereiften Idee einer Gedenktafel für unsere Toten, die man dort an der Kahlstelle anbringen könnte. Ein paar Jahre später besuchte aus Süddeutschland eine Gruppe der Ackermann-Gemeinde mit Sudetendeutschen unsere Kirche in Protzan auf den Spuren des in Protzan geborenen Ignatz Franz. In der Kirche sangen sie sein „Großer Gott wir loben dich“. Es ist das Te Deum, welches Ignatz Franz im 18.Jh. in die deutsche Sprache setzte. Ignatz Franz war als Sohn des Tischlers Kaspar Franz in Protzan geboren und hat dort seine frühe Kindheit verbracht, bis er  mit 9 Jahren auf das Jesuiten-Gymnasium in Glatz wechselte. Durch den Besuch der Ackermann-Gemeinde wurde uns klar, daß auch Ignatz Franz endlich eine Gedenktafel gebührte und zwar an der Kirche in welcher er am 13.10.1719 getauft wurde. Warum also nicht das Gedenken an unsere Toten mit dem Gedenken an Ignatz Franz verbinden? Bei unserem Heimattreffen Juni 2003 in Wiedenbrück hatte Alfred Reimann diese Idee und einen Entwurf zu einer Gedenktafel den Protzanern vorgelegt und wie erwartet große Zustimmung erlangt. Ein paar Wochen später auf der folgenden Heimatreise besuchten wir mit der Vorlage zur Gedenktafel und dem in deutsch und polnisch ausgearbeiteten Text den jetzigen polnischen Pfarrer Herrn Ziobrowski in Protzan und unterbreiteten ihm unseren Plan.

Wir stießen bei ihm auf großes Wohlwollen. Mit dem Pfarrer und Rosa, die uns wieder gute Dolmetscherdienste leistete standen wir dann auf unserem alten Friedhof an der Kirchenwand mit den alten Epitaphen und berieten über die Art der Steinplatte. Rosas Sohn hatte einen verwandten Steinmetz aus Peilau angerufen, der sich schon bald zu uns gesellte und beriet. Schnell wurden wir uns über die Art des Steines einig, auch der verlangte Preis erschien uns angemessen denn es sollten außerdem die alten Epitaphe der Pfarrer Victor Apoloni und Gotthard Müller restauriert werden. So erteilten wir den Auftrag zur Herstellung unserer Gedenktafel mit folgendem Text in deutscher und darunter in polnischer Sprache:

Am Montag 23.8.04 reisten wir dann, 42 Protzaner, mit Frettertal-Reisen in die Heimat. Bei Magdeburg hatten wir leider wegen eines Defektes an der Spritzuleitung einen mehrstündigen Aufenthalt, durch den unsere bei Leipzig Zusteigenden zum Warten gezwungen waren. Der Grenzübergang bei Ludwigsdorf nördlich von Görlitz brachte nur einen kurzen Aufenthalt. Der Bus-Fahrer musste eine Vignette kaufen gehen! Ja, wir müssen für die Benutzung unserer Straßen und der mit EU-Geldern neu gebauten im polnischen Machtbereich zahlen! Auch PKW-Fahrer! Ein polnischer Grenzbeamter trat in den Bus und fragte: Alles Deutsche? Auf die einstimmige Antwort „Ja“ wurden wir sofort durch gewinkt. Durch den Pannen-Aufenthalt gerieten wir dennoch in die nächtliche Dunkelheit und unser Fahrer für den Schlesien Neuland war und den wir gewarnt hatten, lernte die alte Autobahn nach Breslau kennen. Sie ist im Moment, dank EU-Geldern, eine kilometerlange, riesige Baustelle, nur einspurig zu befahren und die Ausfahrten sind schlecht beschildert und schlecht markiert. Wir kamen trotzdem noch montags kurz vor Mitternacht in unserem altbewährten Hotel Eulental in Steinkunzendorf an.

Dienstag der 24.8., der erste Tag in der Heimat, war natürlich dem Besuch unseres Dorfes Protzan gewidmet. Auf der Fahrt dorthin begleitete uns wieder die schöne Sicht auf das Eulengebirge, der Zobten grüßte ganz besonders unsere jüngeren Mitreisenden, welche noch nie in Schlesien, der Heimat ihrer Eltern und, oder Großeltern waren. An der Ruine des Schlosses Kleutsch vorbei grüßte dann bereits linker Hand unser Kirchturm und vor uns lag die schöne Silhouette der Stadt Frankenstein.

In Protzan, durch das Dorf fahrend, erklärten wir dann wem die Bauern-Gehöfte und Häuser rechts und links an der Dorfstraße gehören, wer die wahren Eigentümer sind, wer da bis zur Vertreibung 1945/46 wohnte. Auf dem Kirchberg angelangt wurden Fotos geschossen und dann auf dem Friedhof die bereits angebrachte schöne Gedenktafel begutachtet. Ein Palmwedel darauf, der die deutsche von der polnischen Inschrift trennt, ist eine Zutat des polnischen Steinmetz. 

Bald verteilte man sich zu Dorfbesuchen. Alfred R. und Doris M. hatten zusammen mit Rosa L. als Dolmetscherin um 10 Uhr einen Termin beim Pfarrer um über die Gestaltung des vorgesehenen gemeinsamen Gottesdienstes am Sonntag und die Einweihung der Gedenktafel zu reden. Das Pfarrhaus wurde kürzlich renoviert. Pfarrer Ziobrowski führte uns in den großen Wohnraum mit einem langen Tisch. Alfred erinnerte sich an seine erste hl. Kommunion, daß die Kinder damals bei Pfarrer Peukert dort zum Kaffee geladen waren. Der jetzige polnische Pfarrer, Herr Ziobrowski, erzählte uns dann auch über die Renovierung der kleinen Barockkapelle auf dem Herzig-Acker am Gr.Olbersdorfer Weg, die schon fast verfallen war. Doch das ist ein Bericht für sich. Ein paar von uns waren zu der Kapelle gegangen, aber sie ist verschlossen, wie die Kirche. Bei einem kleinen Mittags-Picknick am Gumberg genossen wir die Aussicht über unser schönes Frankensteiner Land. Am Nachmittag bekamen wir dann die Kirche geöffnet. Die Zeit verging uns wie im Fluge und wir brachen auf, um in Frankenstein einen kleinen Rundgang zu machen. Unseren Bus parkten wir im Hof des Brüder-Krankenhauses, dem einzigen noch in Frankenstein existierenden Krankenhaus. So waren wir direkt am Gasthaus Elefant und schon hatten uns die bösen Erinnerungen eingeholt an die erste Vertreibung im Juli 1945 und die endgültige Vertreibung im Frühling 1946, hatten wir doch erst vor kurzem die Fotos von der Vertreibung am Gasthaus Elefant im Heimatblatt abgedruckt. In der Nachbarschaft gibt es jetzt einen Plus-Markt. Erworbene alkoholische Getränke muß man dort an einer Extra-Kasse bezahlen. Jeder von uns hatte seine eigenen Erinnerungen an Kindheit und Jugend.  Besondere Erinnerungen hatte aber unser ältester Mitreisende Georg Strecke, der jetzt in seiner Geburtsstadt auf alten Pfaden wandelte. In Protzan hatte er bei Bäcker Otto Mälzig das Bäckerhandwerk gelernt und seine Frau war eine Enkelin von Lehrer Hollunder in Protzan. Jetzt wurde er begleitet und behütet von seinen Angehörigen, Tochter, Sohn und Schwiegertochter.

Am Morgen des 25.8., Mittwoch, fuhren wir zuerst nach Heinrichau. Der ziemlich bunte Anstrich der Klostergebäude, welcher jetzt auf die Kirche ausgedehnt wird, ist gewöhnungsbedürftig. Aber hier wird viel renoviert. Hinter der Kirche entsteht der verfallene Bau der einstigen Krankenzimmer (später Orangerie?) mit schönen hohen halbbögigen Fenstern neu. Dort hinten stand die Tür zur Kirche offen. Man tritt in den alten gotischen Raum in dem die schönen Barock-Krippenfiguren aufbewahrt werden. Ein Geistlicher öffnete uns vorne das Gitter am Kirchenportal. Ohne Deutschkenntnisse versuchte er einiges in der Kirche zu erklären, daß die Gemälde von einem Italiener seien und das schöne Chorgestühl von dem Norweger Weißfeld. Die deutschen Künstler, wie Michael Willmann wurden einfach unterschlagen. Als deutscher Besucher muß man sich ganz einfach selbst über die Kirche informieren. Sein Hauptauftrag aber war in der Sakristei der Verkauf von Postkarten und Schriften.

In dem dort erworbenen Faltprospekt steht, daß die Kirche ein Marien-Sanktuarium der „Mutter Gottes der Polnischen Sprache“ ist.

Wir fuhren dann weiter nach Breslau und widmeten den weiteren Tag unserer schönen Landeshautstadt. Die hinterließ bereits beim Anblick des schönen im Tudor-Stil gebauten Hauptbahnhofes einen bewundernden Eindruck bei unseren jungen Mitreisenden. Beeindruckt waren auch alle, die zum ersten Mal die Sand- und die Dominsel mit ihren Kirchen betraten und sofort dem besonderen Flair dieses „schlesischen kleinen Vatikans“ erlagen.

Wir wollten den bei unserem letzten Breslau-Aufenthalt im Jahr 2003 misslungenen Besuch der Aula Leopoldina in der Universität nachholen. Damals kamen wir etwa 10 Minuten nach 16 Uhr an, um 16 Uhr hatte man aber bereits geschlossen. Und heute Mittwoch standen wir wieder vor verschlossenen Türen. Denn, was wir nicht wussten,  mittwochs ist die Aula und auch der Lift den ganzen Tag geschlossen! Dies als Warnung für alle, die einen Besuch planen!

 

Am Donnerstag, dem 26.8. ging es dann nach Wartha und in die schöne Grafschaft Glatz.

In Wartha mussten wir zuerst ein Park-Problem für den großen Bus lösen. Als wir uns in der Kirche aufhielten, kam der gut deutsch sprechende Pater Andreas mit einem großen Schlüsselbund. Er erzählte etwas über die Kirche, aber zur Öffnung des vor dem Altar mit dem Gnadenbild befindlichen kunstvollen Gitters war er nicht zu bewegen. Sein Hauptanliegen war, uns zum Besuch der unter der Kirche befindlichen beweglichen Krippe zu locken, die nichts gemein hat mit der bei uns Kindern damals so beliebten „Mechanischen Geburt“ des Herrn „Beweglich“. Für den Besuch des viel sehenswerteren Museums mit den alten deutschen Votivtafeln blieb uns keine Zeit. Die deutschen Aufschriften auf den Gemälden über die Entstehung der Wallfahrt wurden übrigens mit polnischen Aufschriften übermalt und durch weitere Gemälde ergänzt, welche die Übergabe an Polen 1945 und einen Papstbesuch zum Thema haben.

Am Bus konnten wir dann Herrn Dornbach von Frettertal-Reisen mit einem seiner kleinen Söhne begrüßen. Er hielt sich gerade in seinem Heimatort Banau auf, wo er einen Zweitwohnsitz hat.

In Wartha blieben unsere Schwestern Zwiener zurück da sie den Warthaberg besteigen wollten. Auf ihrem Weg kamen sie am Marienbrünnchen vorbei. Seine Quelle plätschert noch wie eh und je in ihrem Kapellenhäuschen. Die Warthaer und die alten Wallfahrer wissen, man muß sich die Augen mit dem wundertätigen Wasser der Quelle benetzen, dann bleibt man von Augenkrankheiten verschont. Auf dem Warthaberg fanden unsere Wanderinnen die Kapelle verschlossen, aber der steingewordene „Fußabdruck der Madonna“, den die heilige Frau bei ihrem Erscheinen auf dem Berg hinterließ, besteht noch unter seinem schützenden Gitter.

Die anderen Protzaner fuhren mit dem Bus weiter nach Glatz. Dort gingen sie von der Minoritenkirche über die Brücktorbrücke zum Ring und bewunderten dann die schöne Pfarrkirche mit der „Madonna mit dem Spatz“ und dem Grabmal des Bischofs Ernestus von Pardubitz, auf dessen Rat hin der deutsche Kaiser Karl IV. die 1. deutsche Universität in Prag gründete. Dann wurde Habelschwerdt besucht. Wir denken da an den Dichter Hermann Stehr. Durch die Grünanlagen an der Stadtmauer entlang kommen wir zur kath. Kirche St.Michael, die noch Bauteile aus der 2.Hälfte des 13.Jahrhunderts enthält. Durch die Mitte der Kirche zieht sich eine Säulenreihe, ähnlich wie in St.Georg in Münsterberg. Dann sind wir am einigermaßen gepflegt erscheinenden Ring mit dem Rathaus und der Dreifaltigkeitssäule von 1737. Meinen Neffen erzähle ich von meinem Großvater, ihrem Urgroßvater, der als 18-jähriger hier in Habelschwerdt ab 1871 das Lehrerseminar besuchte.

Dann in Bad Landeck trank man „Wässerchen“ und anschließend im „Derheeme-Häusla“, Lerchenfeld, Kaffee. Dazu gab es schlesischen Kuchen, man sang Volkslieder und wir bekamen von den Kindern schlesische Gedichte vorgetragen. Die „Warthaberg-Wanderinnen“ trafen hier wieder zur Gesellschaft der Protzaner. Auch das war ein schöner Tag in der Heimat.

Der Freitag war dem Kloster Grüssau und dem Riesengebirge gewidmet. Die Protzaner besuchten das beeindruckende Kloster Grüssau, weiter die Kirche Wang unter der Schneekoppe, die sich ihnen auch von ihrer schönsten Seite zeigte, dann das Haus Wiesenstein von Gerhard Hauptmann. Am Nachmittag gab es wieder Kaffee und Kuchen, diesmal im „Haus Tirol“ in Erdmannsdorf-Zillertal.

Der Samstag 28.8.04 führte uns zuerst nach Kamenz, dann nach Patschkau, Ottmachau und in die Stadt Neisse.

In Kamenz wollten wir gern die Kirche besichtigen, in der sogar Friedrich d. Gr., der protestantische Preußenkönig, betete als ihn der Abt unter einer Kutte verbarg und so vor der Gefangenschaft durch die Österreicher rettete. Die Kirche war aber nur bis zum Gitter zu betreten. Doch dann kam plötzlich ein Pole per Fahrrad mit dem Schlüssel und einem Opferkörbchen. Er schloß uns die Kirche auf, das Opferkörbchen wurde herumgereicht und wir konnten in der Kirche beten und uns umsehen. Beeindruckend ist die Kanzel mit der darüber befindlichen Jakobsleiter vor welcher der Preußenkönig den Abt gefragt haben soll, warum die Engel eine Leiter brauchten, wo sie doch Flügel zum Fliegen haben und der Abt schlagfertig erwiderte, Majestät, die Engel sind wohl gerade in der Mauser!

Bei dem schönen Wetter war es anschließend ein Vergnügen durch den Park des Schlosses zu gehen. Wie muß das erst früher gewesen sein? Die ruinösen Treppen zu den Terrassen, die Reste der Pergolen, die Beckeneinfassung der großen Fontäne zwischen den alten Bäumen, die einigermaßen renovierten Türme und Mauern des Schlosses ließen auch unsere Erstbesucher erahnen, welche Schönheit hier zerstört wurde. An das Schloß kamen wir nicht heran. Eine Schranke versperrt jetzt den Weg zum Restaurant. Wenn man zum Schloß will, geht das nur noch über Teilnahme an Führungen oder zum Besuch des Restaurants mit Anmeldung!

Wir fuhren weiter nach Patschkau. Der Rundgang führte durch  die alte Stadt innerhalb ihrer Stadtmauern und Türme über den Ring, weiter zur Pfarrkirche in der sich als Wehrkirche der „Tartarenbrunnen“, ein Ziehbrunnen, befindet. An der Außenmauer der Kirche haben die deutschen Patschkauer eine Gedenktafel für ihre Toten angebracht.

Dann ging es an Alt-Patschkau vorbei. Hier konnten sich unsere Mitreisenden der Familie Günther erinnern. Familie Günther verlor einst ihren Besitz in Alt-Patschkau durch den Bau des Ottmachauer Staubeckens. Mit der erhaltenen Entschädigung kauften die Eltern Günther in Protzan den Hof der Familie Joachim.- Ein kurzer Halt und Aufstieg auf den Deich erlaubte einen Blick über die Ausmaße des Staubeckens. Weiße Segel auf dem Wasser, Angler am Ufer, wir wären gerne noch geblieben aber schon ging es weiter nach Ottmachau. Auch hier konnten wir die Kirche St. Nikolaus von innen besichtigen, ein polnischer Fotograf verkaufte in der Kirche seine Fotos. Einige Protzaner gingen dann hinauf zum Schloß, an dem eine Tafel über Wilhelm von Humboldt, den preußischen Innenminister und Besitzer des Schlosses berichtet. Das Schloß, das vor Wilhelm von Humboldt den Fürstbischöfen von Breslau gehörte, ist jetzt ein Hotel.

Die Stadt Neisse war unser endgültiges Ziel, genau gesagt die Kasematten. Zum größten Teil waren wir eine Straße entlang gefahren welche die Protzaner im Juli 1945 von Frankenstein her in brütender Sommerhitze zu Fuß zurücklegen mussten. Die polnische Miliz hatte sie da bereits aus ihrem Dorf vertrieben. Sie zogen damals mit wenigen Habseligkeiten, fast nur Frauen, Kinder, alte Leute und wenige bereits ältere Männer von der bewaffneten polnischen Miliz bewacht und getrieben nach Neisse ohne zu wissen, was aus ihnen werden sollte. Das ihnen unbekannte Ziel waren die Kasematten in Neisse.

Einige, die als Kind dabei waren erinnerten sich: es war nicht weit vom Fluß Neisse, wir holten dort Wasser, das war nahe am Wehr!

Nach der Besichtigung der Stadt mit ihrer großen Pfarrkirche und dem mächtigen Kirchturm, dem schönen Brunnen, der Kreuzkirche usw. trafen wir uns wieder am Bus nicht weit vom Berliner Torturm. Da stellte sich heraus, daß wir den Bus fast genau an der Kasematte geparkt hatten, die damals das schreckliche Domizil der Protzaner für mehrere Wochen war. Jetzt, dort stehend, sprudelten die Erinnerungen der damals Beteiligten hervor, an den Durst der Eingesperrten, den Hunger, als man die verfaulten Kartoffeln aus dem Müll aß, Wasser aus der Neisse holte, in der noch Leichen und Tierkadaver lagen. Und daß die wenigen Männer unter ihnen Nacht für Nacht von den Polen herausgeholt wurden. Morgens brachte man sie zurück, sie konnten kaum noch laufen, sie waren zerschlagen worden und hatten davon überall Blutergüsse. Als nach Wochen das Leiden ein Ende fand, musste der Weg nach Protzan wieder zu Fuß zurückgelegt werden und dann fand man in seinem Haus, seiner Wohnung die inzwischen eingezogenen Polen vor und viele Protzaner hatten keine Bleibe mehr in ihrem Eigentum.

Diese Erinnerungen begleiteten uns auf der Rückfahrt zum Hotel. Trotzdem schien der Besuch dieser Kasematten wie eine gewisse Erlösung zu wirken.

Die Einweihung der Gedenktafel

Am Sonntag 29.8.04 war für 10.30 die hl. Messe mit Einweihung der Gedenktafel angesagt.

Es war uns gelungen mit drei Generationen dazu in unser Heimatdorf zu fahren. Außer uns 37 Älteren von der Noch-Erlebnisgeneration hatten wir Söhne und Töchter dabei und dann waren noch 5 junge Leute aus der Enkel-Generation teils mit eigenem PKW zum Wochenende nachgekommen, was uns besonders freute.

Leider fiel die Einweihung wegen Zeitmangel nicht ganz so aus, wie wir es uns vorgestellt hatten.

Pfarrer Ziobrowski hatte die sonst um 12 Uhr in Protzan stattfindende Messe für uns auf Uhr 10.30 vorverlegt. Er musste danach noch in zwei anderen Dörfern Gottesdienst abhalten.

Da unsere Orgel der Fa. Schlag/Schweidnitz seit vielen Jahren nicht mehr spielbar ist, sangen wir ohne Instrumentalbegleitung bei der hl. Messe zum Eingang aus der bei uns in Schlesien so beliebten Deutschen Messe von Schubert „Wohin soll ich mich wenden“. Nach uns sangen die polnischen Gläubigen eines ihrer Kirchenlieder. Der Pfarrer erklärte dann seinen polnischen Pfarrkindern, um wen es sich bei Ignatz Franz handelte. Es folgte die Lesung in deutscher und polnischer Sprache. Nach der Lesung, während sich der Pfarrer und die Ministranten seitlich setzten, traten vier kleine Mädchen in weinroter Kutte vor den Altar und sprachen Gebets-Texte mit immer nachfolgendem „Alleluja“. Das dauerte eine ganze Weile und so schön die Kinder das machten, wir verstanden leider außer dem „Alleluja“ nichts davon. Später sangen wir Deutschen zur Opferung „Nimm an oh Herr die Gaben“. Wir hatten uns wegen der knappen Zeit die dem Herrn Pfarrer zur Verfügung stand, auf höchstens zwei Strophen geeinigt. Dann aber sangen die Polen ein langes Kirchenlied mit vielen Strophen, sie hörten und hörten nicht auf zu singen. Nach dem Schluß-Segen sollte unter unserem Gesang  „Großer Gott wir loben Dich“ in einer Prozession hinaus gegangen werden zu unserer Gedenktafel. Doch leider war die Zeit weggelaufen. Die Ministranten rannten fast mehr als sie gingen durch die Kirche hinaus, der Pfarrer eilte ihnen mit Riesenschritten hinterher. Wir konnten singend gar nicht so schnell folgen. Unsere älteren Teilnehmer saßen kaum auf den Bänken, da sprach der Herr Pfarrer polnisch ein Gebet und noch einige Worte auch über Ignatz Franz, dann besprengte er die Gedenktafel segnend mit Weihwasser. Kaum fertig bedeutete er uns, daß er leider in Eile sei. Wir bedeuteten ihm verständnisvoll, daß wir auch ohne ihn weiter zurecht kämen. Darauf verschwand er mit den Ministranten schnell in der Kirche. Manfred Sch. und Alfred R. konnten ihm gerade noch mit unserer Spende für die Kirche in die Sakristei folgen. Schade, daß alles so schnell gehen musste.

Vor unserer Gedenktafel sprach dann Alfred R. einige Worte des Dankes an den Pfarrer, die der leider nicht mehr hörte. Alfred R. erinnerte auch an den Pfarrer Alois Schwarzer, der hier neben seinen Amtsvorgängern begraben liegt. Ihm hatten die Protzaner die Einrichtung des Aloysius-Stiftes der Boromäerinnen zu danken. Die Nonnen führten eine Krankenstation und den Kindergarten, die „Spielschule“ wie es damals hieß. Die hatten viele der anwesenden alten Protzaner in ihrer Kindheit besucht. Wir beteten für unsere Toten ein „Vater unser“. Dann sprach Doris M. noch einige Worte des Dankes auch an den Initiator der Gedenktafel Alfred R. und über die Bedeutung des Liedtextes von Ignatz Franz „Alles ist Dein Eigentum“, daß uns Menschen alles woran wir uns erfreuen dürfen nur auf Zeit gegeben wurde, daß keiner von uns etwas mitnehmen kann und daß wir mit Gottes Eigentum, unserer schönen Umwelt, Himmel, Erde, Luft und Meer ehrfürchtig umgehen müssen.

„Ignatz Franz und unseren Toten, die zeitlebens dieses wunderschöne Land hier geachtet und geliebt haben, ihnen ist die Gedenktafel gewidmet!“

Ein Gedenken an unsere Toten, ein „Herr gib ihnen die ewige Ruhe“ folgte. 

Rosa Lach hatte die Übersetzung für die wenigen noch anwesenden Polen übernommen. Denn nachdem der Pfarrer gegangen war, hatten auch die meisten der polnischen Gottesdienst-Teilnehmer den Ort des Geschehens verlassen.

Bernhard R., der in seiner Kindheit hier Ministrant war, hatte vorgeschlagen, anschließend an die Einweihung in der Kirche noch ein oder zwei unserer schlesischen Marienlieder zu singen. Doch dazu kam es nicht mehr. Die Kirche war inzwischen abgeschlossen worden. 

So bekamen wir wieder zu fühlen, daß wir heute nur noch die fremden Gäste in unserer Heimat, in unserer eigenen Kirche sind, für deren Bau, Ausstattung und Erhaltung viele unserer Ahnen ihre Arbeitskraft und ihr sauer verdientes Geld einsetzten. In den Zeiten der Not, der zahlreichen Kriege und Pestepidemien haben viele unserer Ahnen sich die Spenden für die Kirche vom Munde abgespart.

Wir Nachkommen sind heute auf das Wohlwollen der polnischen Bewohner des Dorfes angewiesen und dem jetzigen Pfarrer, Herrn Ziobrowski, dankbar für sein Entgegenkommen.

Doch wir alten Protzaner konnten uns in unserem Heimatdorf über verschiedene Gäste freuen: da war einmal Jozefa die einstige polnische „Fremdarbeiterin“ auf dem Hof Reimann. Sie war von ihrer Tochter aus Lindenau nach Protzan gebracht worden. Mit Jozefa freuten wir uns, denn sie hatte kürzlich die zweite Rate aus dem Fremdarbeiterfond der BRD erhalten. Ein Beweis, daß das Geld nicht wieder in falsche Kanäle floss. Aus Frankenstein war Inge R. zu unserer Feier gekommen. Sie ist als in der Heimat verbliebene Deutschstämmige Mitglied des Deutschen Freundschaftskreises, lebt in Frankenstein und hat in Protzan eine Enkeltochter.

Walter Franke (Enkel v. Max Spittler), den leider ein kurz vor der Reise unschuldig erlittener Unfall (Auto kaputt), am Kommen aus Norddeutschland hinderte, wurde durch zwei in der Heimat verbliebene Deutschstämmige vertreten. Es waren die Herren Gerhard Kern aus Reichenbach und Ewald G. aus Schönheide, welcher dort eine Landwirtschaft besitzt. So gab es genug zu erzählen. Viele von uns trafen sich dann bei Rosa zu Kaffee und Kuchen, andere besuchten noch einmal ihr Elternhaus und konnten sich da über eine freundliche Aufnahme durch die polnischen Bewohner freuen.

Ein Teil, besonders die Erstbesucher unserer Heimat, fuhren mit dem Bus noch nach Silberberg. Vom Donjon, den der „Alte Fritz“ erbaute,  genossen sie dann die schöne Aussicht über unser Frankensteiner Land, unsere geliebte Heimat von der wir leider am Montagmorgen wieder Abschied nehmen mussten.

Auf den Spuren der Ahnen

Am Mittwochabend des 25.8.04 spät waren Martin und Stefan über Bad Kudowa kommend im Eulental eingetroffen.

Am Donnerstag begleiteten sie uns Protzaner nach Wartha und Glatz im PKW. Wir trennten uns von den Protzanern nach der Besichtigung von Habelschwerdt, wo der Urgroßvater Wilhelm Loske ab 1871 das Lehrerseminar besuchte. Wir fuhren über Glatz nach Eckersdorf. Dort schauten wir in die schöne Kirche mit der Schiffskanzel und sahen das Märchenschloß der Grafen von Magnis. Die heute verunkrauteten, breiten Treppen hinauf zum Park lassen noch die einstige Schönheit der Anlage erahnen. Bei Graf Magnis war Ur-urgroßvater Augustin Loske Schafmeister gewesen. Ihm unterstand die Zucht der damals sehr wertvollen Merino-Schafe. Auf dem Friedhof in Eckersdorf wurden seine Eltern beerdigt. Weiter fuhren wir auf seinen Spuren nach Gabersdorf und während eines heftigen Regenschauers besuchten wir die Kirche in der Augustin Loske am 28.1.1845 die dort geborene Johanna Theresia Apollonia Stiller heiratete. Beide starben in Gabersdorf und wurden auf dem Friedhof dort begraben so wie ihre Eltern, das Ehepaar Stiller. Urgroßvater Wilhelm hatte in Mühldorf und Gabersdorf seine Kindheit verbracht. 

Über Giersdorf fahrend suchten wir den „Gemäldeblick“ auf Wartha, der aber zugewachsen ist. In Wartha schauten wir noch in das sogenannte Museum mit den Votivtafeln und den Bildern über die Entstehung der Wallfahrt. Dann ging es weiter durch Frankenstein nach Protzan. Langsam fuhren wir durch das Dorf mit den verfallenden einst so stolzen deutschen Bauernhöfen. Dann gingen wir auf den Hof Schneider, wo die Oma Angelika geboren wurde. Im Hof stand ein Auto und aus dem Wohnhaus kläffte dauernd ein Hund. Die jungen Polen, die das Haus neuerdings bewohnen, haben auf dem Hof Gestrüpp gerodet. Es sieht etwas ordentlicher aus, doch der Verfall der Gebäude schreitet weiter voran. Man sieht es mit wehem Herzen.

Am Freitag fuhren wir drei sofort nach Protzan, während die Gruppe der Protzaner ins Riesengebirge fuhr. Wir hatten um 10 Uhr mit Rosa einen Termin bei dem jetzigen Pfarrer und konnten im Pfarrbüro unsere deutschen Kirchenbücher einsehen. Die anderen noch  zahlreich vorhandenen alten Dokumente und Unterlagen überließ er uns leider nicht zur Einsicht. Sie lagern in Schränken in einem Extraraum des Pfarrhauses, in den keine Fremden eingelassen werden. Rosas Sohn Kristian hatte inzwischen in Frankenstein die jetzige „Besitzerin“ des Hofes Schneider angerufen und um die Möglichkeit zum Besuch des Wohnhauses gebeten. Sie ließ uns Bescheid geben, daß wir uns an die jungen Leute im Haus wenden sollten, die würden uns alles zeigen. Nur wenn es sich um etwas anderes als nur einen Besuch handele, sollten wir zu ihr kommen, wenn ihre Töchter da wären.- Sollte das ein Hinweis sein? Wir wissen, daß sie verkaufen möchte.- Mit Rosa als Dolmetscherin besuchten wir dann unser Erbe. Eine sehr nette, hübsche junge Polin öffnete uns die Haustür und dann alle weiteren Räumlichkeiten. Sie und ihr Mann wohnen kostenfrei im Haus und renovieren dafür etwas im Inneren. Das vorher in mehr als 50 Jahren furchtbar verwahrloste schöne große Zimmer im ersten Stockwerk haben sie sich recht schön renoviert und nett eingerichtet. Der schöne alte, hohe Kachelofen mit Relief und Sims steht noch darin und funktioniert sogar, unsere einstige Wasserversorgung seit Jahrzehnten nicht mehr. Die jetzige örtliche Wasserleitung wurde aus Kostengründen nur in die Scheune verlegt. So leiten die jungen Polen das Brauchwasser aus der Scheune über einen Wasserschlauch ins Wohnhaus. Gekocht wird auf einem kleinen Elektrokocher. Die Toilette im Haus ist zusammengefallen, in der Wand klafft ein Riesenloch. Wie die jungen Leute da ihr Problem lösen, haben wir nicht ergründet.

In der einstigen Mehlkammer und dem dahinter liegenden Raum, in dem früher die Sättel, die Kutsch- und Schlittengeschirre mit Geläut hingen, fanden wir noch ein paar alte Stühle und Kopf- und Fußteil eines Bettes aus dem Bestand der Urgroßeltern. Alles leider in schlechtem Sperrmüllzustand, das konnten wir als Andenken mitnehmen. Liebevoll wurden die Teile von den Ur-Enkeln im Auto verstaut. Die in fast 60 Jahren ohne Pflege ausgetretenen Treppenstufen hinab, Geländer gibt es nicht mehr, wollte mir die junge Polin höflich den Arm bieten. Nur, ich kenne die Stufen seit meiner Kindheit und kann sie heute noch sicher im Traume gehen. Die Zimmer, die geschwärzte Hausstube, in der es bei den polnischen Bewohnern einmal gebrannt haben muß, die Waschküche, alles, jeder Winkel in Haus und Hof ist mir vertraut und sei er noch so verkommen. Das Haus ist wie alle Gebäude des Hofes in einem trostlosen Zustand, wäre aber mit entsprechendem Aufwand zu retten. Die junge Frau träumt von einem Kauf des Hauses. Sie erzählte uns, daß sie in Frankenstein arbeitet und 600 Zloty im Monat verdient. Von der jungen Frau und deren anwesender ebenso jungen Verwandten verabschiedeten wir uns recht herzlich.

Am Nachmittag fuhren wir mit Rosa und Kristian nach Frankenstein. Während die beiden etwas zu erledigen hatten, machten wir einen Rundgang durch die Stadt, zum Ring mit dem Rathaus, dem schiefen Turm, St. Anna-Kirche und der noch immer beeindruckenden Schlossruine. Dann war da die Erinnerung an die Vertreibung im April 1946, an die letzte Nacht in der Heimat, welche die Protzaner im Saal des Hotel Zum Elefanten verbrachten. Unter ihnen waren damals als Kinder Martins Mutter und Stefans Vater.

Jetzt im Sommer des Jahres 2004 konnten wir in der Nachbarschaft des „Elefanten“ im „Plus-Markt“ einiges einkaufen.

Nach einer Tasse Kaffee bei Rosa in Protzan auf dem Kirchberg fuhren wir auf den Spuren der Familie noch nach Heinrichau. Das zweite Haus rechts neben dem Zufahrts-Tor zum Kloster gehörte einst den Ur-urgroßeltern Müller. Der Kaufmann Joh. Bernh. Müller führte darin einen lebhaften Handel von Wein bis Zement und nannte sich Hoflieferant, da er das Schloß belieferte. Das Haus wurde aber später von der Familie verkauft. Heute befindet sich darin ein Lädchen für Bekleidung  und eine Bücherei. Wir konnten das weiträumige beeindruckende Treppenhaus bewundern. Dann besuchten wir natürlich die Klosteranlage und die herrliche Kirche in der am 6.10.1885 die Urgroßeltern von Stefan und Martin heirateten. In der Kirche war die Braut, Urgroßmutter Hedwig Müller, schon getauft worden und hier spielte Urgroßvater Wilhelm Loske als Lehrer und Kantor die Orgel, wie später in Wartha. 

Auf der Rückfahrt zum Eulental machten wir noch einen kleinen Halt in Münsterberg, gingen um den Ring mit dem Rathaus und schauten in das St. Georg-Münster mit seinem wuchtigen Turm.

Hinter Frankenstein wurden wir, deren Wurzeln durch Jahrhunderte tief ins schlesische Land greifen, wieder vom Kirchturm von Protzan gegrüßt.

Der Sonntag sah uns dann gemeinsam bei der Einweihung unserer Gedenktafel in Protzan.

Während des Gottesdienstes saßen wir in der Bank der Familie Schneider. Einst war es üblich, daß in der Kirche Plätze vermietet wurden. Das brachte auch etwas in die Kasse der Kirchengemeinde.

Da saß ich nun in der Bank, in welcher ich als Kind an der Seite der geliebten Großmutter an den manchmal schrecklich langen Hochämtern teilnahm und jetzt saßen meine Neffen, Großmutters Urenkel neben mir. Ich hatte ihnen auf dem Friedhof gezeigt, wo die Ahnen beerdigt lagen, darunter der von der polnischen Miliz im September 1945 ermordete Großonkel Hans, der Urgroßvater Paul Schneider, die Ur-ur-Großeltern Vogt. Bis 1648 sind die Ahnen im Dorf zurückzuverfolgen. Sie alle waren hier in der Kirche getauft und getraut worden. Zuletzt hatten im Oktober 1930 die Großeltern als Brautpaar hier am Altar gestanden und sich das Ja-Wort gegeben.

Ihnen allen galt unser Gebet, ihnen haben wir unsere Gedenktafel an der Pfarrkirche zu Protzan gewidmet.