Die doppelte Verteibung der Bewohner des Dorfes Protzan

Einleitung
Protzan während des Krieges
Die Russen sind da
Die erste Vertreibung durch die Polen
In der Gewalt der polnischen Miliz
Was im Dorfe geschehen war
In den Fägen der Polen in Neisse
Die Polen sind die neuen Herren in Protzan
Der Mord an Hans Schneider
Herbst und Winter
Die endgültige Vertreibung
Die Fahrt in den Westen
Die schwierige Aufnahme in Westdeutschland
Der Neuanfang nach der Vertreibung
Protzan oder Zwrocóna?

Die Fahrt in den Westen

Am Montagmorgen dem 15.4.1946 um 9 Uhr traten die Protzaner mit ihrem Gepäck, den beladenen Handwagen, Rucksäcken und Taschen, wieder wie im Juli 1945, hinaus auf die Dorfstraße. Jetzt, fast ein Jahr nach Ende des Krieges, mußten sie endgültig ihren Besitz, die Familiengräber, das Land ihrer Ahnen, ihr schönes Heimatdorf verlassen. Doch einen kleinen Teil der Protzaner, z.B. die in den Nickelwerken arbeitenden oder den Bäckermeister Mälzig hielten die Polen noch da, sie konnten deren Arbeitskraft noch nicht entbehren. Was mögen die Festgehaltenen empfunden haben, als die anderen fortgetrieben wurden und sie als kleiner Haufen unter den Polen zurückbleiben mußten? So schwer das Fortmüssen war, aber weiter unter der Polenherrschaft leben?
Wieder wurden die Protzaner in langem Zug zu Fuß von der bewaffneten polnischen Miliz die Straße entlang getrieben, am letzten Haus von Tischler Alber vorbei in Richtung Frankenstein. Ein letzter trauriger Blick zurück auf Dorf und Kirche, das vertraute Bild der Heimat, alles was man liebte, vorbei. Die polnische Miliz mit den viereckigen Mützen treibt weiter, weiter. Im Hotel Elephant, dem Sitz der Miliz in Frankenstein, wurden alle Deutschen registriert und bekamen die Nummer eines Viehwaggons zugeteilt. Als die Protzaner im "Elephanten" einzogen, wurde er gleichzeitig von Deutschen aus Kleutsch und anderen Dörfern Richtung Bahnhof zwecks Abtransport verlassen. Die polnische Organisation klappte vorzüglich! Das sonst angezweifelte Organisationstalent der Polen verdient hier ein großes Kompliment, die Vertreibung der Deutschen war von langer Hand bestens organisiert! Die Nacht verbrachte man im Tanzsaal auf dem Fußboden liegend. Dienstagmorgen, vor der Verladung mußten alle zu Fuß mit dem Gepäck zur "Kontrolle" in den leeren Hallen der am Bahnhof gelegenen Füllhalterfabrik Haro antreten. Die "Kontrolle" der Polen bestand darin, den Deutschen noch möglichst viele Wertsachen abzunehmen. Nachdem der durchwühlte, nochmals kleiner gewordene, letzte Besitz wieder mühsam zusammengepackt war, ging es zu den bereitstehenden Viehwaggons.
Auf jeden Viehwagen waren etwa 31 bis 32 Personen eingeteilt worden. Man saß zwischen dem Gepäck, hinlegen war da nicht möglich. Am Abend verließ der Zug mit den Deutschen aus Protzan und einem Teil aus Groß Olbersdorf die Kreisstadt Frankenstein. Es war kalt.
Nachts stand der Zug lange in Liegnitz. Da wußten die Vertriebenen wenigstens, daß es wirklich westwärts ging!

In Kohlfurth wurde der Transport von den Engländern übernommen. Alle waren zutiefst erleichtert, obwohl die Begrüßung nur aus einer ersten Entlausung bestand. Aber das Rote Kreuz war da und versorgte wenigstens die Säuglinge notdürftig. Es war der 17.4.1946, Mittwoch. Immer wieder stand der Zug lange irgendwo. Dann holte man an der Lokomotive heißes Wasser und versuchte an den Gleisen auf einem zwischen zusammengestellten Steinen entfachten Feuerchen eine Suppe aus Gries, Mehl oder Nudeln zu kochen. Oft genug mußten alle auf Pfeifen des Lokführers schnell wieder mit ihrem Topf in den Zug einsteigen ehe das "Süppchen" gar war. Dazu aß man von den noch zuhause hartgetrockneten Brotstückchen. Frierend, im Sitzen schlafend, ungewaschen ging es weiter durch die kalten Nächte.
Bei einem Halt in Sachsen stieß Gerhard Schneider, der Besitzer des Gasthofes "Deutscher Kaiser" in Groß Olbersdorf, auf den Transport in dem sich auch seine Familie befand. Er hatte hier, wo alle "Vertriebenen-Transporte" aus irgendwelchen Gründen anhalten mußten, immer gewartet und die Menschen in den Waggons gefragt woher sie kämen, bis zu diesem Tag. Jetzt fuhr er weiter mit. Die Freude der Familie war groß, wußte man doch bisher nichts über seinen Verbleib. Gerhard Schneider hatte so wie viele andere versucht nach der Entlassung aus der Wehrmacht nach Schlesien, nachhause, durchzudringen. Es war alles vergeblich, denn die Polen ließen keine Deutschen mehr nach Schlesien heimkehren.

Es wurde Gründonnerstag, dann Karfreitag der 19.4.1946. Lange stand der Zug wieder, man sah nur Gleise, Gleise. Einige junge Burschen liefen über die Gleise um nachzusehen, wo man sich befand. Es war Magdeburg. Am 20.4.1946 Ostersamstag kam der Transport im Lager Mariental bei Helmstedt an. Die englische Besatzungszone war erreicht. Hier wurden alle, jetzt von Deutschen, registriert. Es folgte die zweite Entlausung (1x flitsch, Pulver in Halsausschnitt und Haare, 1x flitsch, Pulver in den Hosen- oder Rockbund) und dann gab es endlich eine warme Suppe und in den Sälen ein Bett!
Es war Ostern, der 21.4.1946. In den friedlichen Dörfern läuteten die Osterglocken. Nicht aber für die Vertriebenen auf ihrer Reise in eine ungewisse Zukunft. Sie wurden weiter westwärts transportiert, aber jetzt im Personenzug! Am Nachmittag des Ostersonntag hielt der Zug in Schandelah, einem Dorf bei Braunschweig. Man setzte sich am Bahndamm in die Sonne, einige Mutige liefen ins nahe Dorf und kamen begeistert zurück: In Schandelah konnte man Limonade kaufen, für Deutsches Geld! Ja, man befand sich wieder allein unter Deutschen. Es gab keine Angst mehr und keine weiße Armbinde mit schwarzem "N" für Niemski (Deutsch). Man war aus der Heimat vertrieben, aber frei!
Am Abend des Ostersonntag erreichte der Zug mit den Vertriebenen das Lager Poggenhagen bei Wunstorf. Die Bahnreise war beendet. Das Gepäck, die letzte Habe der Vertriebenen wurde ausgeladen. Drei oder vier Bauern aus der Umgebung warteten mit ihren Pferdegespannen um alles vom Bahngleis in das Lager zu den Zelten zu befördern, die den Vertriebenen zugewiesen wurden. Die Zelte hatte man auf blankem Boden "liebevoll" mit Stroh eingeschüttet. Decken gab es nicht. Der Transport des Gepäcks zu den Zelten zog sich in die Länge. Das wenige der einzelnen war doch in der Masse zu viel. Nach der Fütterzeit am Abend, es war ja Ostern, war nur noch ein ausdauernder, mitleidiger Gespannführer mit seinen Pferden da, der gegen Mitternacht das letzte Gepäck in das Lager beförderte. In der Nacht gab es wieder Frost. In den Zelten zitterten sich die Erschöpften frierend in den Schlaf.
Am Ostermontag herrschte Feiertagsruhe im Zeltlager. Die Vertriebenen wärmten sich in der Sonne für die nächste kalte Nacht. Osterdienstag, den 23.4.1946 arbeitete die Lagerverwaltung wieder und die Schlesier aus dem Kreis Frankenstein wurden auf Dörfer im Kreis Neustadt am Rübenberge aufgeteilt.
In Schlesien, daheim, hatte wohl keiner je von der Existenz dieses Kreises gehört. Lüneburger Heide, ja das war ein Begriff, aber Poggenhagen und Neustadt am Rübenberge? Es wußte daher kaum einer geographisch einzuordnen, wo er sich jetzt befand, denn niemand besaß zu diesem Zeitpunkt eine Landkarte. Die Namen der Dörfer auf die man eingteilt wurde, waren jedem vollkommen fremd. Man wußte nur, daß man jetzt irgendwo in der Gegend von Hannover war. Da galt es für die Familien hauptsächlich, daß sie mit weiteren Angehörigen und Freunden einigermaßen zusammen bleiben konnten. Auf offenen Lastwagen wurden die Schlesier dann mit ihrer letzten Habe in die Dörfer befördert, nach Borstel, Dudensen, Eilvese, Nöpke, Lutter, Bevensen. Beim Gehöft des Bürgermeisters wurden sie abgesetzt. In der Bürgermeisterei erhielt jeder sein Quartier zugeteilt. Winzige, fast leere Kammern, auf Bauernhöfen oft die Knechtekammern über oder neben dem Vieh, Ofenrohr zum Fenster hinaus, so sah es meistens aus, das Domizil der Vertriebenen für die nächsten Jahre.

Das Elend, die Probleme vor denen jeder stand, sind gar nicht aufzuzählen.
Das restliche Geld, die noch mitgebrachten Reichsmark, waren bald aufgebraucht. Für die Guthaben auf ostdeutschen Bank-und Sparkonten, selbst wenn man die Sparbücher noch besaß, traten die westdeutschen Bankinstitute nicht ein. Flüchtlinge und Vertriebene erhielten über die provisorischen deutschen Behörden eine "Soforthilfe". Diese geringen Geldbeträge reichten kaum aus um das wenige zu kaufen, das es auf die Lebensmittelkarten gab. Die "Raucherkarten" auf welche es Zuteilungen von Zigaretten und Tabak gab, wurden von den Nichtrauchern zur Aufbesserung der knappen Finanzen auf dem "Schwarzen Markt" der Städte verkauft oder in dringend benötigtes eingetauscht. Bis zur Währungsreform im Sommer 1948 gab es nichts regulär zu kaufen. Man konnte nicht einfach hingehen und sich etwa einen Stuhl, einen Herd, ein Bett kaufen. Für die Überflussgesellschaft von heute, in der sich die Firmen mit der Werbung für ihre Produkte überbieten, ist das unvorstellbar. Die Vertriebenen waren damals auf das angewiesen, was ihnen die Einheimischen abtraten. Und die Lebensmittel- und Raucherkarten bekam man nur, wenn man arbeitete. Auch für die kleinste Kammer mußte Miete bezahlt werden, Wasser war gewöhnlich frei, denn meistens mußte man es sich von der Handpumpe holen und das Licht wurde sowieso abends für mehrere Stunden von den E-Werken abgeschaltet, es war "Stromsperre" im geschundenen Nachkriegs-Deutschland. Gekocht und geheizt wurde recht und schlecht mit Holz oder Torf. Die "Flüchtlinge", wie man sie allgemein nannte, arbeiteten bei den "Einheimischen", meist bei den Bauern in den Dörfern für Lebensmittel. Sie arbeiteten schwerer, für weniger Entgelt und unter sehr viel schlechteren Wohnverhältnissen als später die "Gastarbeiter" in der BRD. Jeder der "Flüchtlinge" konnte seine eigene Geschichte über die Art der mehr oder weniger freudig-freundlichen Aufnahme durch die Einheimischen in Rest-Deutschland erzählen.

Die am 15.4.1946 von den Polen noch in Protzan zur Arbeit festgehaltenen wurden auf ähnliche Weise am 19.August 1946 mit einem späteren Transport nach Westdeutschland "verfrachtet". Auch sie kamen zuerst nach Frankenstein in den "Elephanten".
Martl Pauli erzählt:
"Manche Söhne der Bauern setzten ihre Väter vorher unter Alkohol, um ihnen den Abschied von Protzan, von ihren Höfen und allem Hab und Gut zu erleichtern. Unser Reiseproviant waren ein Eimer Sirup und ein Eimer saure Gurken. Im "Elephanten" wurden wir alle von den Polen noch ordentlich "gefilzt". Diese "guten Katholiken" achteten nicht einmal die Nonnen. Unserer alten Schwester Odona wurde sogar der Po untersucht und der 89 jährigen Frau unseres Kantor Hollunder ebenso. Dann kamen etwa 35 Personen, Alte, Kranke und das Gepäck in recht kleine Viehwagen. Als der Zug in Richtung Gnadenfrei an unserem Dorf vorbeifuhr, war kein Laut im Wagen zu hören."
Der in Kunzendorf untergetauchte Georg Deckert hatte sich "illegal" in den Transport eingeschlichen und erreichte mit ihm als blinder Passagier Westdeutschland. Auch bei diesem Transport erfolgte die "humane Aussiedlung" tagelang ohne Verpflegung, ohne Wasser, ohne Klo. Das hieß: bei Zugstopp schnell hinaus aus dem Waggon und schnell die Notdurft unter den Augen der anderen neben dem Zug verrichten, immer in der Angst, der Zug könnte plötzlich weiterfahren. "Die Ankunft im Westen war mehr als spassig, wir wurden von Soldaten entlaust. Unser Anblick danach war schlimm, Haare und Kleider alles grau in grau vom DDT-Pulver. Wir fühlten uns wie Tagediebe", so Martl Pauli, "wir waren ungepflegt und dreckig, von Kämmen und Zahnbürsten hatte man uns ja schon in Protzan "befreit", und jetzt noch diese Entlausung."

Auch dieser Transport mit Protzanern kam über Mariental, aber dann nach Siegen in die Kaserne am Wellersberg. Hier wurde er aufgeteilt. Ein Teil der Vertriebenen blieb in Siegen und Umgebung, ein Teil kam nach Meschede. Der dritte Teil mit Protzanern kam am 24.8.1946 in Laasphe an.

Hier in Bad Laasphe leben noch heute viele Protzaner.

Familie Zwiener wurde unter ähnlichen Umständen mit den Deutschen aus Langenbielau vertrieben. Karl Zwiener erzählt es so:
"Zuerst wurden alle Deutschen registriert. Dann kamen Männer mit Listen, die Bescheid gaben, wer an die Reihe kam. Am 21.8.1946 kam der Mann mit der Liste zu uns und sagte, daß wir uns am nächsten Morgen um 7 Uhr vor unserem Hause einfinden müßten. Wir machten alles zurecht. Am nächsten Morgen regnete es in Strömen. Wir standen von 7 bis 9 Uhr auf der Straße, der Regen hielt den ganzen Tag an. Mittags kamen wir in Reichenbach an, wo wir eine Waggonnummer bekamen. Nachmittags gingen wir durch die "Kontrolle". Es wurde wieder viel "konfisziert". Uns nahm man nur einen Regenschirm weg, denn wir hatten nur noch abgebrauchte Sachen. Dann ging es zum Bahnhof. Dort warteten wir wieder im Regen bis 19 Uhr. Dann kam der Zug. Beim Einladen des Gepäcks wurden von den Polen noch Gepäckstücke unter den Waggons weggezogen. Nachts um 2 Uhr fuhr der Zug los. In Sorau stand der Zug drei Tage. Am 2. Tag wurden junge Burschen, darunter auch ich, zum Kohlenaufladen geholt. Als der Zug nach drei Tagen nachts von Sorau abfuhr, hieß es, wir kommen in die russische Zone. Mittags wurden wir am Übergabeort anhand von Listen gezählt und etwa 20 Leute, die sich eingeschmuggelt hatten, wurden abgeführt. Dann ging es bis Forst, das schon in der russischen Zone lag. Abends fuhren wir ab. Am nächsten Morgen erreichten wir um 7 Uhr Hoyerswerda, wo wir in das Quarantänelager Elsterhorst kamen. Es faßte etwa 15 ooo Menschen. Es gab auch eine Abteilung für 20 000 deutsche Gefangene, die mit Stacheldraht von uns getrennt waren."
Der Aufenthalt in diesem Lager dauerte etwa 4 Wochen. Die Vertriebenen wurden in kurzen Zeitabständen 3 mal entlaust. Zu Essen erhielten pro Tag 5 Personen 1 Brot, 5 Eßlöffel Zucker, 2,5 l Suppe. In den 4 Wochen ihres Aufenthalten durften sie das Lager nicht verlassen. Dann endlich erhielt Familie Zwiener Papiere mit dem Bescheid, daß sie nach Wurzen in Sachsen kämen. Sie erreichten Wurzen am 27.9.46 morgens um 7 Uhr. Am Abend kamen sie dann in den Tanzsaal des Gasthauses "Drei Brücken", wo sie zwischen Stroh und Ratten weitere 5 schlimme Wochen erlebten. Dann bekamen sie im Ort Kühren vom Bürgermeister ein "Zimmer" zugewiesen, ähnlich wie es auch in der britischen Besatzungszone zuging. Erst 1948 bekamen sie endlich in Thammenhain bei Wurzen durch Vermittlung einer Tante, Borromäusschwester aus Glatz, eine bessere Bleibe.
Familie Zwiener hatte wie einige andere Protzaner das Pech, in der sowjetischen Besatzungszone zu landen und die späteren Segnungen der DDR zu erleben. Das bekam Karl Zwiener 1950 noch zu spüren als er sich um das Studium an der Arbeiter -und Bauern-Fakultät in Leipzig bewarb: Er wurde nämlich zunächst abgelehnt, weil die Familie in Schlesien zu wohlhabend war!

Es waren für alle sehr bittere Jahre der Armut und Demütigung. Die ganze einst intakte Dorfgemeinschaft von Protzan war auseinandergerissen.

So, in alle Winde verweht, begann dann das große Suchen nach Angehörigen und Bekannten. Das war besonders schwer für die aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Männer. Oft fanden sie ihre Angehörigen erst nach langer Zeit über den vom Deutschen Roten Kreuz damals eingerichteten Suchdienst.

 

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