Reise nach Protzan im August 2004
Protzan!
Schon von weitem grüßt das Dorf mit seinem Zwiebelkirchturm, der zwischen den Bäumen herausragt. Im Hintergrund das Bergland mit dem Silberberg. Inmitten dieser lieblichen Landschaft also liegt Protzan, der Ort, dessen Name mir seit meiner frühesten Kindheit geläufig ist. Es ist ein wunderschöner Spätsommertag und ich habe das Gefühl, ich bin nach Hause gekommen.
Wie oft sprach mein Vater voller Sehnsucht von seiner verlorenen Heimat und ich wünschte, er wäre an meiner Seite. Wie gut, dass ich heute, nach fast 60 Jahren mit meiner Mutter hier her gekommen bin, die vor meiner Geburt hier in Protzan bei meinen Großeltern Heimat gefunden hat. Hier waren meine Vorfahren verwurzelt und obwohl ich –als die deutsche Bevölkerung das Dorf verlassen musste- ein Kind von noch nicht einmal 1 ½ Jahren war, spüre ich etwas Vertrautes.
Das heute zweite Haus des Dorfes ist das Haus meines Großvaters. Das Haus, das er gerade bezahlt hatte, an dem er mit ganzem Herzen hing, in dem seine Kinder geboren und seine 1. Frau gestorben war und das heute einem Polen gehört. Auch die überhaupt nicht zu den übrigen Gebäuden passende neue Villa davor gehört dieser polnischen Familie, das Haus meines Großvaters dagegen wirkt vernachlässigt. Ich bin ganz still und filme unsere langsame Fahrt mit dem Bus durch das Dorf und schlucke meine Tränen hinunter. Ich glaube, viele in unserem Bus kämpfen mit ihrer Erinnerung, obwohl es sich keiner anmerken lässt. Ganz langsam fahren wir durch das Dorf zum Kirchberg während Frau Minale, eine der Organisatoren der Reise mit Protzaner Wurzeln, uns erklärt, wer früher in welchem Haus wohnte. Am Kirchberg verlassen wir den Bus. Die Kirche ist in einem tadellosen Zustand, außen sowohl als innen. Um sie herum zieht sich eine Mauer und innerhalb dieser Mauer war früher der Friedhof. Hier liegen meine Urgroßeltern väterlicherseits sowie die Mutter meines Vaters begraben. Die Gräber existieren natürlich nicht mehr, mein Onkel zeigt mir die Stelle, wo heute noch ihre Gebeine ruhen. Wir betreten die Kirche und mein Hals wird immer enger. In dieser Kirche wurde ich getauft – im Winter 1944 – und einige meiner Familienangehörigen sind auch heute hier mit mir in ihrer alten Heimat.
Ich denke an meine Großeltern und an meinen Vater und daran, wie sie unter der Gewissheit gelitten haben, nie wieder in ihre Heimat zu können. Wie konnten sie auch ahnen, dass es heute so einfach ist, in den ehemaligen Ostblock zu reisen. Und doch wäre es für sie sehr schmerzlich gewesen, ihre Heimat und ihr Eigentum in fremden Händen zu sehen. Heute halten wir uns nicht lange in Protzan auf, wir fahren weiter zum Gumberg, dem so genannten Hausberg. Eine kleine Anhöhe außerhalb von Protzan mit einer herrlichen Aussicht auf die Gegend rund herum und natürlich auf Protzan. Hier machen wir Rast, bevor es weitergeht nach Frankenstein und ich genieße die herrliche Aussicht auf dieses wunderschöne Fleckchen Erde, das ohne den nahen Blick auf die doch manchmal recht vernachlässigten Häuser einmalig ist.
Wir verbringen eine wunderbare Woche in Schlesien, sehen sehr viel und genießen die reizvolle Landschaft. Besuchen Breslau, Kamenz, Glatz, Neiße usw.und fahren ins Riesengebirge, wo uns von weitem die Schneekoppe grüßt. Ich begleite Mutti nach Peterswaldau, wo sie als junges Mädchen gearbeitet und gelebt hat und durch ihre Freundin Irmgard Alber ihrem Schicksal – meinem Vater - begegnet ist.
Ich kann es nur wiederholen, wunderschön ist dieses Schlesien, eine Landschaft zum Träumen
Ich nehme die Heimat meiner Vorfahren mit allen Sinnen in mich auf und bin sicher, hier ist auch meine wahre Heimat. Meine Familie und meine Freunde habe ich heute woanders, aber hier sind meine Wurzeln. Wenn ich die von den ehemaligen Besitzern verlassenen Häuser und Gutshöfe sehe, die doch recht verwahrlost und ungepflegt und z.T. sogar verfallen sind, überkommt mich Zorn und Erbitterung. Erbitterung darüber, dass die heute hier lebenden Menschen nicht gewillt oder nicht in der Lage waren, das was die rechtmäßigen Besitzer mit blutenden Herzen zurücklassen mussten zu erhalten und zu pflegen. Sie bauten manchmal lieber ein neues Haus und ließen die alten Häuser zerfallen, was so manche Ruine bezeugt. Am Sonntag, dem letzten Tag unserer Reise sind wir noch einmal in Protzan. Wir feiern eine Messe mit den polnischen Dorfbewohnern und daran anschließend wird die an der Kirche angebrachte Gedenktafel eingeweiht, die in deutscher und polnischer Sprache an die Menschen erinnern soll, die einst hier lebten und beerdigt wurden und auch an diejenigen, die heute fern ihrer Heimat leben , bzw. starben.. Der Priester spricht ein paar Worte und nachdem von uns „Großer Gott wir loben Dich „ angestimmt und gesungen wurde, das Kirchenlied, dass von Ignatz Franz, einem Protzaner, stammt, löst sich die Versammlung ehemaliger Protzaner und der wenigen noch anwesenden heutigen polnischen Dorfbewohner auf. In die Kirche können wir nun leider nicht mehr, sie wurde gleich nachdem der Priester sich wegen einer weiteren zu feiernden Messe verabschiedet hat, versperrt. Eine Tatsache, die mir sonderbarerweise zu schaffen macht, zeigt sie doch den vor so vielen Jahren aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen, das sie hier eben nur noch als Gäste weilen dürfen, denen man jederzeit die Tür versperren kann, ungeachtet dessen, dass es ihre Vorfahren waren, die diese Kirche erbaut hatten.
Meine Familie hat sich entschlossen, zur Festung Silberberg zu fahren, der Bus wird nach ungefähr 3 Stunden wieder zurückkommen. Ich beschließe, hier zu bleiben. Ich bin natürlich nicht die einzige. Mit Filmkamera und Fotoapparat mache ich mich auf, Protzan noch einmal ganz allein für mich zu entdecken. Langsam und mit meinen Gedanken in der Vergangenheit gehe ich durch das in dieser Mittagszeit in sonntäglicher Stille liegende Dorf.

Ich fühle so etwas wie Zorn und Verbitterung, das die Menschen hier in diesem Dorf leben dürfen, das einst die geliebte und über Jahrzehnte schmerzlich vermisste Heimat so vieler war.

Ich betrachte die alten und zum Teil zerfallenen Häuser und Höfe, denke über die Menschen nach die hier einst lebten, lachten und weinten und schließlich alles zurücklassen mussten, um in der Fremde noch einmal neu anzufangen, so als hätten allein sie den Krieg verloren und müssten büßen für etwas, das ganz andere zu verantworten hatten.
Das Haus meines Großonkels, bewohnt zwar, aber sehr ungepflegt. Der Dorfweiher, hier lernten mein Vater und seine Brüder schwimmen. Und wieder nähere ich mich dem Haus meines Großvaters, das auf mich eine magische Anziehungskraft hat.
Hier versteckte mein Opa meine Mutter und andere junge Verwandte vor den Russen, die nach ihrem Einmarsch auf der Suche nach jungen Frauen waren und so manche vergewaltigten. Ich filme von allen Seiten und mache Rast am Wegesrand hinter dem Haus. Hier fuhr früher die Kleinbahn nach Frankenstein, die Schienen sind entfernt. Ich fotografiere das Kreuz am Wegesrand gegenüber, auf das der Blick meines Vaters so oft gefallen sein muß. Noch einmal halte ich Zwiesprache mit meinen lieben Verstorbenen, die leider niemals mehr hier her kommen konnten und begebe mich zurück zum Kirchberg, auch dabei in Gedanken bei denen, die einst wie selbstverständlich jeden Tag diesen Weg zur Schule – gegenüber der Kirche -zurücklegten, sorglos und fröhlich mit ihren Freunden plaudernd und nicht ahnend, dass sie einmal von hier vertrieben würden um nie mehr zurückzukehren. Die Stunden sind schnell vergangen, der Bus kommt zurück und nun geht alles sehr rasch. Die anderen in Protzan Zurückgebliebenen finden sich ebenfalls ein und wir verlassen nun langsam das Dorf, vorbei am ersten, bzw. jetzt vorletzten Haus, dem „Alber“-Haus und mir ist, als würde ich ein zweites mal vertrieben, doch dieses mal nehme ich bewusst Abschied.

Barbara Braun, Sept. 2004