Die doppelte Verteibung der Bewohner des Dorfes Protzan

Einleitung
Protzan während des Krieges
Die Russen sind da
Die erste Vertreibung durch die Polen
In der Gewalt der polnischen Miliz
Was im Dorfe geschehen war
In den Fägen der Polen in Neisse
Die Polen sind die neuen Herren in Protzan
Der Mord an Hans Schneider
Herbst und Winter
Die endgültige Vertreibung
Die Fahrt in den Westen
Die schwierige Aufnahme in Westdeutschland
Der Neuanfang nach der Vertreibung
Protzan oder Zwrocóna?

Die schwierige Aufnahme in Westdeutschland

Der Beschluß der Alliierten im Potsdamer Protokoll vom 2.August 1945 lautet, daß "die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind,...... in ordnungsgemäßer und humaner Weise" erfolgen soll. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits seit etwa 2 Monaten mörderische Vertreibungen in Ostdeutschland, dem Sudetenland und den zahlreichen anderen kleineren deutschen Siedlungsgebieten in den östlichen Nachbarstaaten im Gange. Bei Kriegsende lebten in den Reichsgebieten östlich der Oder-Neisse-Linie 9,75 Millionen Deutsche. Jene 2,14 Millionen Deutsche, die damals in Danzig, dem Memelland und Polen lebten müssen hinzugerechnet werden. So wurden mindestens 12 Millionen Deutsche, die zum Kriegsdienst eingezogenen ostdeutschen Männer nicht eingerechnet, im Osten in das Vertreibungsgeschehen verwickelt.
Vom 17.7. bis 2.8.1945 fand die Potsdamer Konferenz der Alliierten statt. Das Potsdamer Abkommen, in dem unter anderem die "humane" Umsiedlung der Deutschen aus "Polen" beschlossen worden war, wurde am 2.8.1945 unterzeichnet. Seit der bedingungslosen Kapitulation waren erst drei Monate vergangen. Jetzt mußte innerhalb kürzester Zeit in Restdeutschland die Aufnahme von mehreren Millionen von der Vertreibung bedrohter Deutscher aus dem Osten organisiert werden. Diese mußten zusätzlich zu den ca. 2 Millionen bereits vor den Russen geflohener in den "Besatzungszonen" der Sieger untergebracht werden.
Die Brücken über Oder und Neisse waren von den Polen schon ab 1.Juni 1945 für heimwärts strebende deutsche Flüchtlinge gesperrt worden. Es gab für sie keine Heimkehr mehr, kein zurück! Der totale Zusammenbruch am 8.Mai 1945 war erst wenige Monate her. Die deutschen Städte waren durch Krieg und alliierten Bombenterror zerstört. Hunderttausende Menschen, meist Frauen mit Kindern und alte Menschen denen kaum das Nötigste geblieben war, dazu ausgehungerte, auch verwundete Kriegsheimkehrer in zerschlissenen Uniformen, alle suchten eine Unterkunft. Sie hausten in den Städten in Ruinen, in denen oft noch gerade das Treppenhaus begehbar war und ganze Wände fehlten, die Fenster mit Pappe und Brettern aus den Trümmern vernagelt. So hausten sie oft ohne elektrischen Strom, ohne Wasser, denn Strom- Wasser- und Abwasserleitungen waren zerstört. Es wurde gehungert, es gab keine Kohlen und der Winter stand vor der Tür. Allerdings war den "Ausgebombten" wie man sie damals nannte, eines geblieben, etwas sehr wichtiges, sehr kostbares: Es blieb ihnen die Heimat!
Das wenige was es auf die Lebensmittelkarten zu kaufen gab, war zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Auch in großen Teilen Rest-Deutschlands war das Elend unbeschreiblich. Auf dem Land, in den vom Krieg verschont gebliebenen Dörfern hatten schon viele Menschen Zuflucht gefunden, die Heim und Habe durch den Bombenterror verloren hatten. Das bäuerliche Leben war noch intakt, die Bauern unterlagen allerdings mit ihren Produkten festgelegten Zwangsabgaben. Ansonsten waren die deutsche Verwaltung und Infrastruktur überall weitgehend zusammengebrochen. Deutschland war in "Zonen" aufgeteilt, alles lag in der Hand der alliierten Sieger, sie hatten das Sagen. Und jetzt noch das: Die Städte in Trümmern und überall Hunger und zu den bereits 2 Millionen Geflohener noch weitere, mehrere Millionen vertriebene Deutsche aus dem Osten des Reiches aufnehmen?
Wie sollte das deutsche Volk das verkraften? Die Rache der Sieger war furchtbar.
Das deutsche Volk hatte nur ganz wenige Fürsprecher: Der hohe US-amerikanische Beamte Murphy schrieb am 12.10.1945 an das State Department in Washington: Ich will für das State Department meine Sicht der Lage aufschreiben... Der ständige Fluß von Tausenden enteigneter deutscher Flüchtlinge aus den Ostgebieten hält an. Sie schleppen sich längs der Autobahn hin, tragen ihre kümmerlichen Überbleibsel von persönlichem Eigentum auf dem Buckel oder in kleinen Karren und auf Kinderwagen. Die große Masse von ihnen sind Frauen, Kinder, alte Leute in allen Stadien der Ermüdung und Erschöpfung und Krankheit. Sie bieten ein erbarmungs- würdiges Bild. Hier wird Vergeltung in einem Ausmaß betrieben, aber nicht an Parteibonzen, sondern an Frauen und Kindern, an Armen und Kranken.... Es gibt nur wenige leistungsfähige Männer in der Altersstufe von 20 bis 50. Dieses Geschehen läuft seit Wochen ohne Unterbrechung......
Am 17. Oktober 1945 verabschiedete der Alliierte Kontrollrat einen "Ausweisungsplan". Damit begann die Phase der "kontrollierten" Vertreibung, die jedoch, wie wir, die Betroffenen erfahren mußten, keineswegs "human" erfolgte. Es sei hier die Frage erlaubt, ob eine millionenfache Vertreibung überhaupt "human" sein kann und "human" erfolgen kann. Auf jeden Fall aber verstieß die Vertreibung gegen das Völkerrecht.(s.Haager Landkriegsordnung 1907)

Nach alliiertem "Ausweisungsplan" erwartete man insgesamt 3,9 Millionen Vertriebene.
Nach Westdeutschland kamen aber statt der geplanten 2,75 Millionen dann 4 Millionen Vertriebene. Bis 1950 (es wurden endlich die meisten deutschen Zwangsarbeiter der Polen entlassen) waren es knapp 8 Millionen in Westdeutschland, mehr als doppelt so viele Menschen als der Ausweisungsplan vorsah, weil wesentlich mehr Deutsche vertrieben wurden, als die westlichen Alliierten annahmen. Es war ihnen, besonders von Stalin und den Polen, vorgegaukelt worden, der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung habe ja ohnehin schon die betroffenen Gebiete Ostdeutschlands verlassen. Das Land sei ja schon praktisch "menschenleer". Für die Durchführung der Zwangsausweisungen aus Schlesien hatte die polnische Regierung einen "Kommissar für Repatriierungsangelegenheiten der deutschen Bevölkerung" (Komisarz do Spraw Repatriacji Ludnosci Niemieckiej) bei der Breslauer Wojewodschaftsverwaltung eingesetzt. Die Sammel- und Übergabestellen unterstanden jedoch dem Staatlichen Repatriierungsamt, das von dem Minister der sogenannten "wiedergewonnen Gebiete" Weisungen erhielt.

Nach einer graphischen Darstellung der Breslauer Wojewodschaftsverwaltung wurden in den einzelnen Monaten allein aus Niederschlesien im Oktober 1945 12.537 Deutsche ausgewiesen. Die Zahlen steigerten sich dann Monat für Monat. Im Juni 1946 waren es 202.972, im Juli 203.321, im August 1946 170.447. Es wurden dann langsam etwas weniger, aber im Januar 1947 waren es immer noch 47.171 Deutsche nur aus Niederschlesien von den Polen "Zwangsabtransportierte". Im genannten Zeitraum von Oktober 1945 bis Januar 1947 sind es nach den polnischen Angaben 1.452.114 Deutsche, die allein aus Niederschlesien, ihrer Heimat, in so kurzer Zeit von den Polen deportiert wurden! Wahrscheinlich lag die Zahl aber noch höher. Eine gewaltige organisatorische Leistung der Polen, so kurz nach Kriegsende!

Unter den damaligen Gegebenheiten war die Unterbringung so vieler Menschen in Rest-Deutschland, denn auch auf dem Gebiet der späteren DDR wurden 2 Millionen aufgenommen, ein Problem, das selbst unter heutigen, geregelten Verhältnissen im Wohlstand große Schwierigkeiten bereiten würde. Dazu kam, daß die Franzosen unter Verweis darauf, daß Frankreich das Potsdamer Abkommen nicht unterzeichnet habe, sich generell gegen die Aufnahme von Vertriebenen in "ihrer" Zone sperrten. In Niedersachsen z.B. gab es in den meisten vom Krieg verschont gebliebenene Ortschaften bereits Bombengeschädigte aus Hannover und Kriegsflüchtlinge etwa aus Ostpreußen. Jetzt mußte für weitere zu erwartende Vertreibungsopfer Wohnraum gefunden werden. Das war unter den damaligen Gegebenheiten nicht anders möglich als entweder in Lagern (Schulen, Tanzsälen usw.) oder durch Beschlagnahme vorhandener Räumlichkeiten in Privathäusern. Die von Beschlagnahme Betroffenen empfanden das natürlich als äußerst lästig, man mußte sich einschränken und es brachte Unruhe in das geregelte Leben. Mitleid mit den eher als Eindringlinge empfundenen, hielt sich in Grenzen. Es gab noch kein Fernsehen, welches die Bilder des Elends in wohlig geheizte Wohnzimmer, der vom Kriegsgeschehen verschonten deutschen Dörfer gebracht hätte, die Bilder des Elends der Deutschen im Osten, ihres Leidens unter der polnischen Knute. Es fehlten die Bilder des Elends wie sie heute das Mitempfinden mit dem Leiden der Kosovo-Albaner überall weckten. Kino mit Wochenschau gab es in den Dörfern z.B. Niedersachsens nur selten. Auch im Radio gab es wohl kaum Nachrichten über das schreckliche Geschehen im Osten Deutschlands. Die Polen ließen nichts darüber aus den von ihnen "verwalteten", das heißt annektierten, deutschen Provinzen hinausdringen. Den wenigen zugelassenen, westlichen Journalisten wurden höchstens die von Deutschen "verlassenen" (durch wilde Vertreibungen "verlassen gemachten"!) und bereits von Polen bewohnten Dörfer vorgeführt. Ansonsten war der eiserne Vorhang an Oder und Neisse bereits dicht.

Wer hatte damals in Deutschland eine Zeitung? Die Lizenzen für deutsche Zeitungen wurden durch die Alliierten erst später (fast alle 1947) erteilt. In den spärlichen Nachrichtenblättchen alliierter Herkunft stand anderes als über das Elend der Deutschen im Osten des Reiches. Außerdem hätte man damals in der allgemeinen Not wahrscheinlich alles andere gelesen, als z.B. den Aufruf von Papst Pius XII. gegen die grausame Vertreibung der Deutschen aus ihrer ostdeutschen Heimat. Ja, und da standen sie nun, ein Haufen Menschen, Frauen, Kinder, Alte und einige wenige Männer. Mit hängenden Schultern, da übermüdet, schmuddelig, da über Wochen nicht aus den Kleidern gekommen und kaum gewaschen, wahrlich kein erfreulicher Anblick und für Ahnungslose sicher wenig Vertrauen erweckend. Sie standen da und warteten z.B. in Nöpke auf der Straße und im Hof des Bürgermeisters Kahle, während jeweils der "Haushaltsvorstand" hinein ging ins Büro zum Bürgermeister, um sich ein Quartier zuteilen zu lassen. Sie warteten geduldig bis man sich mit dem Quartierschein und einer mündlichen Beschreibung, wo dieses Quartier im Dorf oder seiner näheren auch weiteren Umgebung zu finden sei, auf den Weg machte, die wenigen, dennoch schweren letzten Habseligkeiten mitschleppend. Bis dahin hockten ihre Kinder draußen vor der Bürgermeisterei müde wartend auf den kümmerlichen Gepäckstücken, welche man nach den Plünderungen der Polen notdürftig unterwegs wieder zusammengebunden und geschnürt hatte.
Für die Einheimischen, denen man Räumlichkeiten für diese Leute aus dem fernen Osten beschlagnahmt hatte, war das alles kein Vertrauen erweckender Anblick! Diese Leute wollten ein ordentliches Heim, ein Haus, Land und Vieh besessen haben? Nichteinmal ordentliches Gepäck brachten sie mit! Diesen so entsetzlich unordentlich wirkenden Menschen aus dem Grenzland zu Polen konnte man doch keine guten Sachen überlassen, und würde man mit denen einigermaßen vernünftig in einem Haus zusammen leben können? Manche Bauern betrachteten die Fremden nur unter dem Aspekt: Brauchbare Arbeitskraft? Die so glimpflich ohne Verlust an Hab und Gut über den Krieg hinweggekommenen, sie wußten nichts und ahnten wenig von dem, was diese aus ihrer Heimat vertriebenen Schlesier mitgemacht hatten. Nur wenige, denn auch Ausnahmen gab es, hatten wohl eine entsprechende Vorstellungsgabe, die Voraussetzung für Verständnis ist. Die meisten wußten nur, daß sie jetzt auf unbestimmte Zeit mit "diesen" Leuten aus dem Osten zusammen leben sollten, mit diesen Leuten, die zu allem auch noch größtenteils so einen seltsamen Dialekt sprachen, der sich vom eigenen so völlig unterschied.
Man muß im Nachhinein für die Skepsis mit der man uns damals begegnete, Verständnis haben. Erst später als man sich etwas kannte, kam es zu mehr Hilfsbereitschaft. So wurde 1946 in Nöpke vor Weihnachten Spielzeug für die Flüchtlingskinder gesammelt. Auch Gutes wird nicht vergessen! Langsam wuchs bei den Einheimischen auch die Akzeptanz, letztere allerdings nur bis zu einem gewissen Grade, wenn es nicht, besonders bei den einheimischen Bauern, ins familiäre ging. Denn neben der Schranke von "da bitter arm und dort wohlhabend" gab es noch die Schranke der Religion. Die Vertriebenen, meist römisch-katholisch kamen fast überall in die von der katholischen Kirche sogenannte "Diaspora", wo es nur wenige Katholiken und entsprechend wenig katholische Kirchen gab. Doch da, in dieser "Diaspora", fanden die vertriebenen Katholiken ein für die damalige Zeit sehr großes Entgegenkommen bei den evangelischen Gemeinden, besonders ihren Pastören. Großzügig wurden den Katholiken für ihre Gottesdienste die evangelischen Kirchen zur Verfügung gestellt. Nur, die sogenannte "Mischehe" z.B. wurde beiderseits nicht gerne gesehen. Die Schranken fielen erst sehr viel später mit dem allgemein und damit auch bei den Vertriebenen wachsenden Wohlstand in Rest-Deutschland und der wachsenden Ökumene bei den christlichen Kirchen. Das alles gehört zum besseren Verständnis der damaligen Situation.

 

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